DER JULI IST REGNERISCH

Was eigentlich willst du, du bist immer noch auf der Höhe, die Wohnung ist riesig, in regungsloser Klarheit lebt dein Herz, bis zur Entrücktheit, die Küche, das Zimmer, die Stufen rauf und runter, raufundrunterraufundrunterraufundrunter, die Weite, die Wiese, Marienkäfer, flieg, zeig, wo das Glück uns lacht, hier und nirgends, was willst du noch, für einen Mantel sparen, eine verführerische Rotkappe sein, leidenschaftlich gepflückt, zerschnitten, gedünstet, Telefoninterviews verweigern, was ermüdet Sie am meisten im Leben, daß es ununterbrochen weitergeht, daß du Tag für Tag vorhanden bist, daß du präsent bist, hier und ohne Ausweg, verzweifelte Anstrengungen, was willst du noch, ein jeder verdient, was ihm zugestanden wird oder was noch weniger ist, ein Zigeunerjunge fliegt mit Flügeln aus Pappe über die Mülltonnen, wirklich ein jeder?, was noch, daß du ein wenig schläfst, daß du mal nach Berlin reist, einen Posten statt Fasten und Gebet, daß du zurückkehrst in deinen alten Körper, daß du dein neues Kleid spazierenträgst, daß du Wörter und Dunkelheiten anhäufst, die Verse sind kein Tag und Nacht anhaltender Kitzel und kein Blitz aus heiterem Himmel, und während ich in die Zeitungen schaue, o Gott, mag mich die Erbitterung verschonen, was denn, daß du dich liebevoll paarst mit dem, was du schuldig bist, den Inlands- und den Auslandsschulden, verzweifelte Anstrengungen, jeden Morgen um sechs öffnet dir dein Kind, der Morgenstern, die Augen mit ihren Fingerchen, Zeit zum Spielen, was willst du mehr?

Mirela Ivanova * 1962 in Sofia

Aus dem Bulgarischen von Norbert Randow
Aus: Einsames Spiel. Gedichte.
Verlag Das Wunderhorn 2000.


An den General

Das Instrument des Politikers ist die Zeit.
Du vermochtest es zum Klingen zu bringen.
Generosität oder Willensstärke, wenigstens eines davon
ist erforderlich für die gattungstheoretisch durchaus
problematische Kunst der Politik.
Wenn nichts anderes, dann ein Thema zur Improvisation.
Und das Publikum so lange warten zu lassen
in dem ungeheizten Konzertsaal
mit der schlechten Akustik;
Während von den Brettern des Podiums,
wo du von einem Bein aufs andere trittst,
die lila Fingernägel behauchend,
Staub aufgewirbelt wird, niedersinkt.

Na, spiel endlich etwas,
für das hohle-rote
Plüsch-Publikum!

György Petri * 1943 in Budapest † Juni 2000 ebenda

Aus: Vorbei das Abwägen, vorbei die Abstufungen /Ammann
Herausgegeben und nachgedichtet von Hans-Henning Paetzke


haute couture

Denselben stoff vernäht derselbe faden.
du bist, was du trägst, erträgst, was du bist,
geschneidert aus vorgezeichneten teilen,
verdeckte nähte, nach innen gewandt.

wir kinder zogen nadeln durch die haut,
das tat nicht weh. heute fragst du, wo
der körper endet und das hemd beginnt,
dieser hauch, wie man sagt, von nichts.

Helwig Brunner *1967 in Istanbul, lebt in Graz

Aus: Jahrbuch der Lyrik 2017/Schöffling & Co


An meine Freunde, Sommer 1975

Spektakuläre Durchbrüche
Gelingen uns nicht.

Einmal im Kahn über die Elbe gesetzt,
Strehla im Rücken.

Kurze Sekunden des Glücks,
In Verse gebunden.

Aufgegeben,
Was nicht zu erreichen ist.

Ziellos,
doch nicht ohne Hoffnung.

Heinz Czechowski * 1935 in Dresden † 2009 in Frankfurt am Main

Aus: Die Zeit steht still/Grupello


Mittelalterliche Motive

Hinter unserem bezaubernden Mienenspiel wartet
immer der Schädel, das Pokergesicht. Indes die
Sonne sachte am Himmel vorbeirollt.
Das Schachspiel findet statt.

Aus dem Dickicht ein friseurscherenschneidendes Geräusch.
Die Sonne sachte am Himmel vorbei.
Die Schachpartie endet mit Remis. Mit der
Stille des Regenbogens.

Tomas Tranströmer *1931 Stockholm + 2015 Stockholm

Aus: Für Lebende und Tote/Hanser


Über den Elbwiesen

ÜBER DEN ELBWIESEN
Erhebt sich der Mond von Carl Orff.
Auch wir werden diesen
Tag nicht vergessen. Das Dorf
Gehört zu der Stadt. Jetzt
Dürfen wir glücklich sein. Das
Ist beschlossen. Besetzt
sind die Wiesen, das Gras
Wird am Morgen nicht wissen, warum
Es zertreten wurde. Ich bin
Keiner von denen, die stumm
Nach Haus gehen, dort hin,
Wo sie allein sind mit sich.
Manchmal noch finde ich dich.

Heinz Czechowski * 1935 in Dresden † 2009 in Frankfurt am Main

Aus: Das offene Geheimnis/Grupello Verlag


Duino I

Das Maß, und ich werde mit nicht vermessen,
nur, als du hinaustratst auf die Terrasse, wie über
die Bucht, so ein Moment, nach, fast verdorben
der Morgen, gewannen hier Schönheit wir wieder,
das wage ich, passe es an dem eigenen Zeilenmaß,
das sage ich, passe nicht Engelsgewänder dir an;
verrate dich nicht an die Märchen aus Kindertagen,
nicht an, was dir fern wie der Geschrei von Gebeten.
Weil, still in der Wärme, bedurften wir beinahe
nichts, Schatten, beschlagener Gläser Klang.

Uwe Kolbe * 1957 in Ostberlin

Aus: Gegenreden/S. Fischer


Mitte des Randes

Vielleicht ist
im Wortland der Wünsche
ein weißer Fleck
des Unerfüllten.
Geboren
im Bannkreis der Beschwörungen,
versteinert
im Hexenring der Verwünschungen.
Vielleicht spalten wir vergeblich
Wünsche
auf dem Hackblock des Hoffens.

Cvetka Lipus

Aus: Abgedunkelte Zeit/WieserVerlag
Aus dem Slowenischen von Klaus Detlef Olof


Berlin, 22.5.84 Tegel

„nie hob sich so klar“
das: que tu restes……

stiller / du hinterlässt:
(wie ein Bild
rausfährt, ansurrt - )

plötzlich ist alles dort,
noch im Abflug
unterliegst du, / : dem
Sinken, Steigen

(dem Polaroid zu-
schaun….)

Rainer René Mueller * 1949 in Würzburg

Aus: POÈMES – POÈTRA/ roughbook 034
Ausgewählte Gedichte von 1981 – 2013


Nahe am Auge

Nahe am Auge tröstet alles,
Und wenn einer nichts zu tun hat,
Biedern sich im die Symbole, Metaphern und Allegorien an.
Die Rose genügt nicht.
„Ich hätte nach diesem Winter“,
Sagt Fredy, der Koch,
„Bald überlegt, wieder umzusatteln.“
Er ist gelernter Automechaniker.
Dieser Winter habe ihn ernster gemacht,
Als er es für vertretbar halte.
Warum sich
Aus dem Neandertaler
Je der Mensch entwickelt habe, sei ihm schleierhaft.
Hat er doch gar nicht, sage ich.

Michael Köhlmeier *1949 in Hard am Bodensee

Aus: Ein Vorbild für Tiere/Hanser


Joseph Beuys

Für Ralph Künzler

Er war sein einziges Werk – und er wurde
nicht müde, es den Unverständigen in brutal
strengen Worten zu flüstern. Er schrieb nicht.
Aber er wußte, jede Zeit zeugt ihre Propheten.
Und nur die Kunst spricht ein gerechtes Urteil.

Sein Werk langweilte ihn nie. Denn seine
Überzeugung war: Die Welt liegt im argen.
Aber nicht der gewöhnlichen Übel wegen
fror sein Herz: Der Grund lag im Verlust der
Welten: Wirklichkeit ist das wahre Übel.

Er war das Kind in ihm, das glaubte: Die
Kunst ist der Weg. Aber die Kunst vermag
nichts. Und er fuhr fort, seine Werke zu sein.

ARMIN SENSER

© 1999 Carl Hanser Verlag München Wien
Entstanden: 1994
Aus: Großes Erwachen


Das vermittelte Staunen - La meraviglia mediata

  Sogar jetzt
über dem Golf, rot
gegen den Himmel, der Augenblick, nur
Angst, den Faden zu verlieren
Persino adesso
Sul golfo, il rosso
contro il cielo, l’attimo, è soltanto
paura die perdere il filo
 
       
 

Milo De Angelis *1951 Milano

Milo De Angelis

 
 

Aus dem Italienischen von Piero Salabè

Aus: Alphabet des Augenblicks
Edition Lyrik Kabinett bei Hanser

 

Mai

Laß mich Deine Augen sehen,
ich möchte wissen, wie's Dir geht. Rainer W. Fassbinder

Schau, der Mai ist da,
er hat sein blaues Lid über den Hafen gelegt.
Komm, ich hab schon lang nichts mehr von dir gehört,
du bibberst wie die Kätzchen, die wir damals als Kinder ertränkten.
Komm und wir reden über die alten Dinge:
Wie gut es ist, freundlich zu sein,
wie wichtig mit Zweifeln zu leben,
und wie wir die innere Leere füllen.
Komm, spür im Gesicht den Morgen.
Sind wir traurig, finden wir alles dunkel,
sind wir stark, zerbröckelt die Welt.
Wir bergen beide unbekanntes andrer Leben,
ein Geheimnis, einen Irrtum, eine Geste.
Komm, wischen wir den Siegern eins aus,
springen wir von der Brücke und lachen über uns.
Laß uns still die Kräne im Hafen betrachten,
denn still beisammen sein ist
das beste Zeichen von Freundschaft.
Komm mit, ich möchte in ein anderes Land,
möchte meinen Körper beiseite lassen
und mit dir in eine Muschel schlüpfen,
winzig wie wir sind, wie die Meerschnecken.
Komm, ich erwarte dich,
machen wir weiter, wo wir vor einem Jahr waren,
als hätten sie nicht einen Ring mehr,
die weißen Birken am Ufer.

© Kirmen Uribe * 1970 Ondarroa, Spanien

Aus: Bitartean Heldu eskutik
Aus der kastilischen Fassung übertragen von Ludger Damm


Ein neuer Frühling

Wachsendes
Herz. Tag und
Nacht und Nacht und Tag.
Wind. Strömender Wind.
Wärme. Fliehende Wärme.
Die Zeit steht still.
Das flüchtige Auge springt
davon.

Richard Wagner *1952 in Lovrin, Banat, Rumänien

Aus: Heiße Maroni/DVA


Möglichkeit, einen Sinn zu finden

Für M.
Durch die risse des glaubens schimmert
Das nichts

Doch schon der kiesel
nimmt die wärme an
der hand

Reiner Kunze * 1933 in Oelsnitz/Erzgeb.

Aus: gedichte/S. Fischer


Am 22. April 2005

Für Jón Philipp und Nora
Aber die Seele fliegt auf
leiser als das Zittern des Palmblatts
höher als das Hohelied
Mit der Bitte um Einlaß
in ein schreckenloses Land
Wo Apfel- , Granat- und
Palmbäume wohnen, wo sie grünen
ohne Getöse, ohne die Schmerzen der Welt.

Elisabeth Borchers *1926 in Homberg, Niederrhein; † 2013 in Frankfurt am Main

Aus: Zeit.Zeit/Suhrkamp


Santorin

Im Schwefel schwimmend über dem Vulkan
Am Kraterrand wie Schnee die Behausungen
Bevor er schmilzt. Je näher am Abgrund
Desto größer das Glücksgefühl. Ich
Sitze in der ersten Reihe: HOMERIC POEMS
Das Textbuch auf den Knien, letzter Eintrag
Nichts Neues

Volker Braun *1939 in Dresden

Aus: Handbibliothek der Unbehausten/Suhrkamp


Aus einem Tagebuch der Nicht-Ereignisse

  This May-Day, meanwhile, on metropolitan streets
Crowded and blocked by planned exasperation
At off-shore subsidiaries everywhere
Of the United Corporation,
Anarchy at its wit´s end clinches with law-and-order-
Itself grown brashly rank, agressive as ground elder -
Makes an event, a riotous consummation
Fit for the media synthesis of sensation,
Sterilized by the next day´s horror and despair.
Mittlerweile Mayday, auf den Straßen der Kapitale
Auflauf und Stau gemäß Verschlimmerungsplan
Jener Offshore-Filialen an allen Ecken Einer Firma Universale,
Die Anarchie am Ende ihrer Weisheit heftet sich an Recht-und-
Ordnung -
Selbst frech ausgebreitet, wie Geißfuß offensiv geworden -
Inszeniert ein Ereignis, turbulentes Finale
Als Meldung sensationell medial,
Verharmlost von den morgigen Nöten und Schrecken.
 
       
 

Michael Hamburger

Michael Hamburger

 
 

Aus: Aus einem Tagebuch der Nicht-Ereignisse/Folio

Übersetzt von Peter Waterhouse Aus: Aus einem Tagebuch der Nicht-Ereignisse/Folio

 

Begegnung im Regen

Igel, mein kleiner Stachelbruder,
gut getarnt wie ein Brocken Erde
in die nasse Wiese gerollt.

Stell dich nur tot! Ich weiß es besser:
ganz nach innen verbergen wir beide
unsre verletzliche Lebenswärme.

Christine Busta * 1915 in Wien † 1987 in Wien

Aus: Wenn du das Wappen der Liebe malst/Otto Müller Verlag


Den Berg zu besteigen

Den Berg zu besteigen -
angespornt vom Anblick.
Sein Gipfel, im Nebel verhangen.
Der Berg am Morgen, immer anwesend
der bestiegen werden kann.
Im Schutz des Sonnenuntergangs wählte ich einen anderen Pfad.
Von der Erinnerung ungetrübt für die Untiefen eines Traumes
verließ ich den Berg wie Gold in einem Fluss.

Cleo Cesare *1965 Leopoldskirchen

Aus unveröffentlichem Manuskript


Diesen Winter

als du kamst,
und ich die Mandarinenschalen verbrannte
und dich fragte Wo bist du / gewesen?
als ich ein Badetuch um deine Schulter legte
und sagte Ich will es / nicht wissen
als ich lächelte
und die schwarze Schleife in deinem Haar / löste
als du sagtest Ich auch

Volker Sielaff *1966 in Großröhrsdorf/Sachsen

Aus: Lyrik von JETZT/DuMont


Vorfrühling

Die wiese, in der tiefe noch gefroren,
blüht vor möwen

Das ufer wäscht seine weiden

Die schleife, die der fluß zieht, bindet
mit jedem morgen fester

Reiner Kunze *1933 Oelsnitz/Erzgeb. Sachsen

Aus: gedichte/S. Fischer

Man muß Heimat haben, um sie nicht nötig zu
haben, so wie man im Denken das Feld formaler
Logik besitzen muß, um darüber hinauszu-
schreiten in fruchtbare Gebiete des Geistes.
(Jean Améry)


Monat der Gedichte

Monat der Gedichte.
Graue Herrschaft der Kälte.
Verwüstete Stadt, gieriges Grunzen
der Masken, stille Scheiterhaufen.

Und dennoch, Februar, Monat der Gedichte.
Trunkene Umzüge schleifen die Schenkel
der Straßen. Prinz Karneval brüllt.
Viele werden die Tür nicht finden. Lachend
blättert der Wind vergessene Seiten.

Monat beharrlicher Gedichte.
Und wiederholten wir immer dasselbe Wort.
Und rissen wir auch das Maul auf.
Und zerbissen wir uns auch die Zunge.

Und dennoch, dennoch, Februar,
Monat geschwellter Gedichte:
Sie rufen die Junge Sonne
und heulen im Fieber unter den Fenstern
befleckter, erschlaffter Dichter.

Slavko Mihalic *1928 Karlovac + 2007 Zagreb

Übertragen aus dem Kroatischen von Klaus Detlef Olof
Aus: Stille Scheiterhaufen/Wieser Verlag


Die Vergleiche hissen die Segel

Das Gefühl, von dir berührt zu werden,
vergleiche ich mit einem
vom verschwenderischen Blau
des Himmels gebannten Blick.
Es ist, als würde ich schwimmen
in einem durch die Haut schimmernden See,
inmitten der gespiegelten Wolken
deiner Hand.

ORSOLYA KALÀSZ * 1964 in Dunaúváros/Ungarn

Aus: D A S EINE/BRÜTERICH PRESS


Ein Glückwunsch gar

Ein Glückwunsch gar

weder pack ich den wind
bei den hörnern wie der strauch
lebst stracks wo der rost

muss belegt ein mond schon
wird konjungiert zum weder
mund wirklich licht war der nun

unversehrt gekerbt zum
kehr aus gewildert weder
fest umwickle bind um und

mag das ein Glückwunsch sein es mag einer sein zum Glück

Elisabeth Wandeler-Deck *1939 in Zürich

Aus: ANFÄNGE, ANFANGEN, gefolgt von UND
/Passagen Verlag


Menschliche Anordnung - Human Arrangement

  Ortsgebunden und zeitgebunden im Abendregen
Und im Bann eines Geräuschs, das sich nicht ändert,

Außer, daß es beginnt und endet,
Wieder beginnt und wieder endet –

Regen ohne Veränderung, innen oder von
Draußen. An diesem Ort und zu dieser Zeit

Und in diesem Geräusch, das sich nicht ändert,
In dem Regen ein und alles ist,

Ist am Himmel ein erdachter hölzerner Stuhl
Die lichte Stelle eines Bauwerks,

Hochgetrieben aus nichts, Stuhl des Abends,
Blaustrebiger kurulischer Stuhl, wirklich-irreal,

Die Mitte von Verwandlungen, die
Für das Selbst der Verwandlung verwandeln,

In einem Glitzern, dass ein Leben ist, in einem Gold,
Das ein Sein ist, ein Wille, ein Los.
Place-bound and time-bound in evening rain
And bound by a sound which does not
change,

Except that it begins and ends,
Begins again and ends again -

Rain without change within or from
Without. In this place and in this time

And in this sound, which do not change,
In which the rain is all one thing,

In the sky, an imagined, wooden chair
Ist the clear-point of an edifice,

Forced up from nothing, evening´s chair,
Blue-strutted curule, true-unreal,

The centre of transformations that
Transform for transformation`s self,

In a glitter that is a life, a gold
That is a being, a will, a fate.
 
       
 

WALLACE STEVENS * 1879 Pennsylvania + 1955 Connecticut

WALLACE STEVENS

 
 

Aus dem amerikanischen Englisch von Rainer G. Schmidt

Aus: Teile einer Welt/JUNG UND JUNG

 

Zeitung

1

Täglich
die alten Nachrichten
aus der neusten Welt.

2

Das Morgengrauen
liest den vorangegangenen
Tag Korrektur.

Klaus Merz * 1945 Aarau/Schweiz

Aus: Helios Transport/Haymon


Notizen aus dem Museum

Im Hinblick auf die große Zahl der Besucher
hat man im Guggenheim Museum den
Einbahnverkehr eingeführt: Ganz oben angekommen,
stürzen die Besucher sich in die Halle.

Die Gäste mit der Plakette
"Membership" fängt (im Rahmen eine Happenings)
ein unten aufgestellter zeitgenössischer Künstler ab.

Tadeusz Dabrowski *1979 Polen

New York 2009
Aus dem Polnischen von Renate Schmidgall
Aus: Die Bäume spielen Wald/Edition Lyrik Kabinett bei Hanser


Wende

Innehalten.
Widerstandslos
sich fallen lassen
und nichts als staunen.

Einschlafen
zwischen Brandung und Fels –
nur noch das Meer im Ohr.

Ist das nur Müdigkeit
und Erschöpfung
oder schon
das große Vertrauen?

Christine Busta *1915 in Wien † 1987 in Wien

Aus: Inmitten der Vergänglichkeit/Otto Müller Verlag


Aus dem Chinesischen/From the Chinese

  Turn oft he year
and a white Christmas turning to slush
on my neighbour´s fields,

crows on the high road,
the yard streaked with coal dust
and gritting,

geranium turning to mush
in the bubs and baskets.

I walk to the end of the road
to ease my sciatica:
ditch water, gorse bones; how did I get so cold

so quickly?

Thaw in the hedge
and the old gods return to the land
as buzzard and pink-footed goose and that

daylong, perpetual scrape
of winter forage;

but this is the time of year
when nothing to see
gives way to the hare in flight, the enormous
beauty of it stark against the mud
and thawglass on the track, before
it darts away, across the open fields

and leaves me dumbstruck, ready to be persuaded.
Jahreswende,
und das weihnachtliche Weiß verwandelt sich in Matsch
auf den Feldern meines Nachbarn,

Krähen an der Straße oben,
der Hof schlierig von Kohlestaub
und Streugut,

Geranien, die in Kübeln und Körben
zur Pampe werden.

Um meinen Ischias-Schmerz zu lindern,
laufe ich bis zum Ende der Straße:
Grabenwasser, knorriger Ginster; warum wird mir so schnell

kalt?

Es taut an der Hecke,
und die alten Götter kehren ins Land zurück
als Bussard und Kurzschnabelgans und dieses

tagelang andauernde Scharren
nach Winterfutter;

aber das ist die Jahreszeit,
in der Nichts-zu-Sehen
ein fliehender Hase wird, seine großartige

schlichte Schönheit vor Schlamm
und Eisscheiben auf dem Pfad, bis er auf einmal
über die großen Felder wegflitzt

und mich sprachlos zurücklässt, ja, offen für Neues.
 
       
 

JOHN BURNSIDE * 1955 in Schottland

 
 

Aus: Anweisungen für eine Himmelsbestattung/Hanser

Aus dem Englischen von Iain Galbraith

 

Es kommt

  È da un suono remoto
dalla casa, dalla stanza di fondo,
o è un mio tremito interno
o è quel giovane ailanto
che s’agita là fuori, all’imbocco del parco,
il selvatico che alligna dappertutto
senza riguardi.

Di dove viene che non la vedo,
questa speranza
io non so in che cosa,
questa gioia improvvisa
fuori del cuore,
aliena
e canta
la sua infinita ragione d’esistere?
Es kommt von einem fernen Klang
aus dem Haus, vom hinteren Zimmer,
oder es ist ein inneres Zucken
oder der junge Götterbaum
da draußen schwankend, wo der Park beginnt,
wildgewachsen, überall Wurzeln schlagend,
rücksichtslos.

Woher kommt sie, von mir ungesehen,
diese Hoffnung
ich weiß nicht worauf,
diese plötzliche Freude,
außerhalb des Herzens,
fremd
singend
ihr endloses Recht zu sein?
 
       
 

Anna Maria Carpi

Anna Maria Carpi

 
 

*1939 in Mailand

Entweder bin ich unsterblich/Edition Lyrik Kabinett bei Hanser
Aus dem Italienischen von Piero Salabè

 

Ansichtskarte der Welt

Dies sind sehr hektische Tage.
Durch die Straßen jagen Zirkuswagen, Panzer.
Keine Kinder zusehen – irgendwo trinken sie Schokolade,
oder haben ihre Plätze hinter den Maschinen eingenommen.
Väter gehen mit Weihnachtsbäumen vorüber,
und immer findet jemand sein Zuhause nicht,
oder sein Zuhause sucht ihn, wartet lange vorm Zaun,
vor einem häßlichen Krankenhaus, vor der Leichenhalle.
Aus dem Radio gellen die Schreie der wütenden Hirten,
und es gehört sich, daß jeder sich ein bißchen schuldig fühlt,
bis die Sünde von selbst zu wachsen beginnt,
über den Rand des Verstandes in die geronnene Stille.
Längst haben mich die letzten Geldscheine verlassen,
und dabei warteten so viele schöne Dinge auf mich,
ein weißes Segelboot, eine Hirtenhütte,
ein alter Lehnstuhl, ein gespitzter Bleistift,
eine Ansichtskarte mit dem hilflosen Blick der Welt.

Slavko Mihalic *1928 nahe Zagreb + 2007 Zagreb

Übertragen aus dem Kroatischen von Klaus Detlef Olof
Aus: Stille Scheiterhaufen/Wieser Verlag


Kleine Geschichte

Auf der einen Seite sein Lippenpaar,
auf der anderen ihr Augendoppelstern.

Drüben die Beine, Kleid, ihr farbiger Saum,
hüben sein Cordsamtjackett.
Diesseits seine Stimme, Gebetsmühlendiskant,
jenseits ihr Schweigen,
das ihn weiter zu reden spornt,
bis der Knebel ihres Haars

ihm die Sprache verschlägt,
für eine brünette Strähne, seidenfein,

gibt er den roten Faden
gern aus der Hand.

Jan Volker Röhnert * 1976 in Gera

Aus: Wolkenformeln/editionfaust


Mansarde - The Garret

  Komm, bedauern wir jene, die besser dran sind
als wir,
Komm, meine Freundin, denke daran,
dass die Reichen Diener haben, keine Freunde,
Und dass wir Freunde haben, keine Diener.
Komm, bedauern wir die Vermählten,
die Unvermählten.

Morgendämmerung tritt ein auf kleinen Füßchen -
eine goldene Pawlowa,
Und ich bin meiner Sehnsucht nah.
Mehr hat das Leben nicht zu bieten,
Als diese Stunde klar und kühl
und das Erwachen
zu zweit.
Come, let us pity those who are better off
than we are.
Come, my friend, and remember
that the rich have butlers and no friends,
And we have friends and no butlers.
Come, let us pity the married and
the unmarried.

Dawn enters with little feet
like a gilded Pavlova,
And I am near my desire.
Nor has life in it aught better
Than this hour of clear coolness,
the hour of waking
together.
 
       
 

Ezra Pound * 1885 Hailey,Idaho + 1972 Venedig

 
 

Autorisierte Übertragung: Eva Hesse

Aus: Personae/Masken (1908- 1910) – Arche

 

00 Uhr 00 - Gedicht

Nichts von Belang, liebe Freunde der
Weltraum-Oper, die fünfte Welt ploppt
in ein Neues, einer tanzte, das sah
nicht gut aus, eine Schmerzlibelle
in seinem Glas, es knackte, taute Eis
draußen, es gibt Weiteres, die Sterne

Björn Kuhligk * 1975 Berlin

Aus: Die Stille zwischen null und eins/Hanser Berlin


Der Entwurf einer Reise ...

…..diese heitere Morgenmusik, als sei gleich
in der Nähe

Venedig. Von allen Seiten
ein Echo, das die Illusionen fortsetzen kann,
wenn du nur willst.

Der Himmel ist
gleichbleibend grau. So entfallen die Mühen,
etwas anderes sagen zu müssen, worüber
man gestern geschwiegen hat.

Ein Versäumnis
vielleicht. Eine Gleichgültigkeit, die zunehmend
schwerhörig macht, halbstündlich, genau
in die Nachrichtenzeit.

Im Luftzug, noch einmal,
erscheinen unsichtbare Instrumente. Der Entwurf
einer Reise entsteht, und du kommst weiter
in einem Spiel, das nichts bewegt……

Jürgen Becker * 1932 in Köln

Aus: Das englische Fenster/Suhrkamp


Wannsee, November

Der türkische Kioskbesitzer erklärt mir den Audioguide
und schickt mich auf den Weg, Richtung Stimmings Krug.
Hinterher erhält jeder bei ihm einen warmen Tee.

Unterwegs komme ich nicht aus dem Menü
und ziehe kurzerhand das Kabel.
Die Gärtnerin fand es früher eigentlich schöner:
dunkler, verwunschener.

Man muss sich halt erst gewöhnen, sagt sie
und einen Moment blicken wir beide zum See,
zum neuen Anleger, der sehr hell,

bis ich endlich meinen Hals aus dem Headset wickle
und sie wieder zum Rechen greift.

Susanna Stephan * 1963 in Aachen

Aus: Haydns Papagei/Klöpfer & Meyer


Herbstgang

für Wolfgang Braungart

Abschied absehbar, die Zeit jenseits Goldrute wieder.
Pfützen im Weg, und der fischlose Bach ist sehr klar
wie ein kaltes Glas überm hellen und welligen Sand.
Den Blättern fehlt Kraft, sie hängen von Bäumen herab.
Aber wir zählen die Vielfalt der sinnreichen Hölzer,
Rotbuche, Hainbuche, Eiche. Selbst die Robinie birgt
in schrundiger Rinde einen erstaunlichen Stamm.
Erle und Weide fassen das Wasser. Kleinvögelhuschen,
Amselerschrecken. Ein seltsames Menschenpaar
eilt sportlich notwendig vorüber. Wir, langsam,
denken und gehen darin, in dem Denken, fast auf,
erkennen in Erdraum und Herbstzeit unsere Grenze an.

Uwe Kolbe * 1957 in Ostberlin

Aus: Gegenreden/S. Fischer


November

Wie soll ich schlafen, wenn ich an dich denke?
Dich neben mir im Auto zu wissen, ist Glück.
Und ich denke: Ist Arbeit
Die einzige Möglichkeit zu überleben?

Wir sind Vorläufige nur, kurz
Verweilen wir hier, ergriffen
Vom Anblick der herbstlichen Pappeln.
Wie soll ich sagen, dass ich dich liebe?

Die Zeit
Rauscht um das Haus. Wo bist du,
Die meine Träume erstickt, meine Zukunft
Wieder zurückholt?

Heinz Czechowski *07.02.1935 in Dresden † 21.10.2009 in Frankfurt am Main

Aus: Das offene Geheimnis/Grupello Verlag


Das Paar

Der Abend kommt
Und nach dem Abend - die Dunkelheit
Und nach der Dunkelheit
Augen
Hände
Und Atmen und Atmen und Atmen……
Und das Geräusch des Wassers
Das hinuntertropft tropf tropf tropf aus dem Hahn

Dann zwei rote Punkte
Von zwei brennenden Zigaretten
Das Ticktack der Uhr
Und zwei Herzen
Und zwei Einsamkeiten.

Forugh Farrochsad * 1935 in Teheran † 1967 in Teheran

Aus: Jene Tage /Bibliothek Suhrkamp


Wenn die Sonne aufgeht

Wenn die Sonne aufgeht
und das Innerliche der Nacht endet,
schwindet der reglose Raum,
in dem ich mich vom Tag erhole.

Draußen singt ein unbekannter Vogel.
Das Kreislaufsystem des Hauses gurgelt in den Rohren.
Meine Tochter schläft.
Allein mit mir
setze ich mich wieder zusammen
wie ein Puzzle.

Gioconda Belli

Übertragung aus dem nicaraguanischen Spanisch von Angelica Ammar und Dagmar Ploetz
Aus: Ich bin Sehnsucht – verkleidet als Frau/Deutscher Taschenbuch Verlag


La gioia/Die Freude

  Mit geschlossenen Augen fragte ich
- was wird
eines Tages aus der Pupa werden? -
So ließ ich dich in einem Lächeln
die süßen Worte wiederholen
- die Braut,
die Mutter -

Märchen
aus der Zeit der Liebe -
tiefer Trunk – vollendetes
Leben -
Freude fest im Herzen
wie ein Messer im Brot.
Domandavo a occhi chiusi
- che cosa
sarà domani la Pupa? -

Così ti facevo ridire
in un sorriso le dolci parole
- la sposa,
la mamma -

Fiaba
del tempo d’amore -
profondo sorso – vita
compiuta -
gioia ferma nel cuore
come un coltello nel pane
 
       
 

Antonia Pozzi * 1912 Mailand † 1938 in Mailand

 
 

Übersetzt von Gabriella Rovagnati
aus: Parole/Worte Wallstein Verlag

26. September 1933
aus: Parole/Worte Wallstein Verlag

 

AUFBRUCH AUS DEM KOORDINATENSYSTEM

Wie die Seele aus dem Körper, flog eines Tages
Punkt Null aus mir heraus, glitt schwebend dahin,
verließ mich um die Welt zu sehen
Die Welt, die eine Mitte will
König oder Garnichts, oder König und schleppte
das System mit sich: alle drei Achsen
um sie woanders wieder aufzurichten
Und dort zu werden, wovon
eins genügt; der Ursprungspunkt ist mir entschwebt
doch blieb in meiner Nähe, dort schwebt er jetzt.
In mir war er das Unfassbare, das ich jetzt
fassen muss, wie soll ich sonst bestehen.
Jener Punkt ist nicht identisch mit der Seele
die Seele ist hier drin geblieben
wie am Kabinenfenster eines Fliegers, den Blick gesenkt
spürt sie den Nullpunkt, und fragt sich noch: wozu?

István Kemény (*28.10.1961 in Budapest)

INDULÁS A KOORDINÁTA-RENDSZERBÖL
Aus dem Ungarischen von Orsolya Kalász und Monika Rinck


Klartext

WER NICHT AKZEPTIERT;
Daß er unter Wahnsinnigen lebt,
Hat auf dieser Welt
Nichts mehr zu sagen.

Du mußt die Schmerzen,
Die alltäglich sind, verbeißen.
Der süße Rest in jedem Glas
Ist bitter. Die Sprache, die

Gesprochen wird;
Baut auf einige Hits, wie
In La Traviata, aber das Leben
Hat nichts gemein.

Mit dem Elend der Seele:
Man muß weit von sich
Und außerhalb leben, denn niemand
Wird geliebt um seiner selbst.

Heinz Czechowski *07.02.1935 in Dresden † 21.10.2009 in Frankfurt am Main

Aus: “Das offene Geheimnis“ /Grupello-Verlag Wien 1999


besuch bei konstantin kavafis

kavafis
komm nicht vorbei!
heute bewacht ein sudanese deine behausung
gegen die schritte der postmoderne
er lächelt und verkauft die zahlen um dich
sieben jahrzehnte nach dir nur digitale barbaren
mit dem lärm von zwei jahrhunderten
selbst der muezzin bedarf eines lautsprechers
um seinen gott zu erreichen
im café délices hast du die zeit vertrieben
bis diese dich endlich vertrieben hat
hier verkauft man nun
„profiterol take away“

SAID

Alexandria, Mai 2002
Aus: auf der suche nach dem licht/Buchverlag Peter Hellmund


September

Der Garten trauert,
Kühl sinkt in die Blumen der Regen.
Der Sommer schauert
Still seinem Ende entgegen.

Golden tropft Blatt um Blatt
Nieder vom hohen Akazienbaum.
Sommer lächelt erstaunt und matt
In den sterbenden Gartentraum.
Lange noch bei den Rosen
Bleibt er stehen, sehnt sich nach Ruh
. Langsam tut er die großen
Müdgewordenen Augen zu.
(1927)

Hermann Hesse (* 1877 in Calw + 1962 in Montagnola)

Aus: Die Gedichte 1892 – 1962 /Suhrkamp Verlag


Welt - Theater - Handlung - Zeit

  Kindness in a cruel word?
What price the glory!
What else is kindness but glory
In a cruel world?
Many words spoken and activated
Activated and spoken in many ways
are priceless scenarios.
What more could they be than that?
Remote upon the scene
I find the time to realize
That what I find to be
I be and that is all I own -
The thought of me I wish to be
For nothing else is half as real
As the myth of me.
liebenswürdig sein in einer unbarmherzigen welt?
zu viel der ehre!
was sonst als ehre soll liebenswürdigkeit sein
in einer unbarmherzigen welt?
diese vielen worte auf mannigfache weise ausgesprochen & umgesetzt
umgesetzt & ausgesprochen
sind nichts als köstliches theater
fern dem ort der handlung
finde ich zeit mir darüber klar zu werden
dass ich das was ich zu sein glaube
auch bin & und das ist alles was ich besitze -
die Idee von mir will ich sein
denn nichts ist auch nur halb so wirklich
wie der mythos von mir.
 
       
 

SUN RA

Sun Ra

 
 

Aus: "The Immeasurable Equation" Waitawhile Verlag 2005
Übersetzung Hartmut Geerken

(eigentlich Herman „Sonny“ Blount; * 22. Mai 1914 in Birmingham, Alabama; † 30. Mai 1993)
war ein experimenteller, avantgardistischer Jazzkomponist und Jazzmusiker (Piano, Orgel, Keyboard).

 

Nolens

Immer ist der Wille
innen und an nichts erinnert
er. Viel besser ist was
er auslässt. Mal achten wie Salz

auf den wirklichen Grund
sinkt. Wie Fragen das Gedächtnis
rastern das als vergrastes
Flugfeld draussen vor den Augen

wuchert. Wem das Blau
des Hähers gehört und wem der
Applaus der bezahlten
Gaffer. Aber und vor allem wem

das Leben.

Felix Philipp Ingold (*1942 in Basel)

Aus: Jeder Zeit und andere Gedichte/Literaturverlag Droschl


Leichtigkeit

Es war deine Leichtigkeit die mich anzog
die Leichtigkeit deines Redens, deines Lachens
die Leichtigkeit deines Gesichtes in meinen Händen
deine Leichtigkeit, ungekannt, behende, scheu;
und es ist die Leichtigkeit deiner Küsse
die meine Lippen verdorren läßt,
die Leichtigkeit deiner Umarmung
die mich an die Strömung verliert.

Meg Bateman (*1959 in Edinburgh)

Übersetzt aus dem Schottischen von Corinna Krause
Aus: Intime Weiten/XXV schottische Gedichte/Folio


An einen Poltergeist in der Nordwand des Schlafzimmers

Deine hohlen Klopfzeichen bleiben
auch immer dieselben, es gibt keine
Entwicklung, keine Gedankenstriche,
du wiederholst dich, tagelang,
graue, schlaflose Nächte lang,
immer im gleichen Takt, als wärst du ein Herz,
das Funken schlagen möchte an den Steinen
des alten Hauses. Eine mausgroße Faust, die
leise an die Schneidezähne
der Zukunft klopft, nach Eingängen suchend
oder nach Gründen zu bleiben.

Clemens J. Setz (*1982 in Graz)

Aus: Die Vogelstraußtrompete/Suhrkamp


kirchners sommeratelier

ocker grün blau
seine fehmarnfarben

ocker die abbruchkante
grün mit breitem pinsel
felder bis ins blau
mit sturmvögeln
schaumkronen

gleich wird seine
aphrodite
aus den wellen steigen
schlanke jünglinge
im gefolge

gleich werden sie
die gründurchwehte
kathedrale betreten

DORIS RUNGE (*1943 in Carlow, Mecklenburg)

Aus: F.A.Z. 26.07.2016 Nr. 172 Seite 9


Abendspaziergang

die Nacht: Engel des Schlafs und Favelas
Papageien als Nervenbahnen unterwegs
bedeckt mit kleinen Okays
wie ein epileptischer Treppenaufgang
oder eine ballistische Nonne
auf dem Weg zu einem Schönheitsphysiker
die Irgendwieheit zu ordnen
in Spezialdschungel und Allgemeines
bevor der Morgen glänzen würde, wieder, neu
in Form traumatischen Blahs

Ron Winkler (*1973 lebt in Berlin)

Aus: Frenetische Stille/Berlin Verlag


Hold Your Own

  While we assemble selves online
And stare into our phones,
You are bright and terrifying,
Breath and flesh and bone.

Tiresias – you teach us
What it means: to hold your own.
Während wir im Netz Identitäten sammeln
Und in unsre Smartphones glotzen,
Bist du strahlend hell und furchteinflößend,
Atem, Fleisch und Knochen.

Teiresias – du lehrst uns,
Was es heißt: sich zu behaupten.
 
       
 

Kate Tempest (*1985 in London)

 
 

Aus: Hold Your Own/edition suhrkamp

Übersetzt von Johanna Wange

 

Akazie

So bescheiden, dass selbst die Sonne
den Sinn von Stolz hinterfragt, aber ungeduldig,
oh ja – selbst die Aussagen, die sie
über den Winter trifft, sind atemlos,
ein Rauschen, das wenig mit Wind zu tun hat,
vielmehr mit Sprache, stiller Macht. Sie
alle sind als Versprechen zu lesen. Besagen,
dass Serengeti nur eine Station in einem
aufregenden Leben war und sie jetzt
hier ihren Schirm spannt, Silhouette der
Geborgenheit. Nichts endet schnell genug,
kein Tag; da ist immer nur Ungeduld, Warten -
darauf, dass die Sonne endlich einschläft.
Samt ihrer Behauptung: Warten, das
macht nichts, Warten ist Übergang.
Die Natur ist nicht dunkel,
die Welt ist dunkel.

Silke Scheuermann (* 1973 in Karlsruhe)

Aus: skizze vom gras /schöffling & co


Kirschenessen

Der Kern
Zwischen Fasern des Fleisches
Beweglich im Speichelspeicher der Ekstase

Während die Kirsche tanzt
Zwischen Lippen
Sie auf der Zunge rollt

Zerfällt das Fruchtfleisch
Körpergesang nach Berührung
Hautloser Flächen

Christine Langer (* 1966 in Ulm)

Aus: JAZZ in den WOLKEN /Klöpfer & Meyer


klagenfurtbachmann

sprachfleischverrichtungszimmer, gänsefett und rückporto
vierzehn nestlinge tirilieren vor ihren zaunkönigen.
in ihren gärten grasen poussierende hasen.

ein autor winkt sein winken. jeder garten singt sein lied.
der text hat eine großmutter. sie folgt dem löwenzahn
ohne dass jemand aus berlin vorbeischaut.

du denkst an milchaufschäumer mit schwenkfilter
bräunungskontrolle und elektronischer auftaufunktion.
ein juror leidet an hühnerkopfabtrennungsallergie.

Manfred Enzensperger (*1952 in Köln)

Aus: eingeschneite hunde/LYRIKPAPYRI/Horlemann/Edition VOSS


Worte

Die erst zuletzt erflehten
die zuletzt noch bleibenden
sie müssen uns genügen

Sag mir
wie viele braucht´s für einen Vers
damit er nicht zu schwer wird

Und wie viele Kiesel finden Platz in einer Kinderhand
und wie viele in einem wunden Mund

Du warfst den ganzen Tag nur Worte fort
damit sie dir am Abend reichten für ein Gedicht
Jemand folgt uns nach und sammelt sie auf

JAN SKÁCEL

Aus: Ein Wind mit Namen Jaromír/Residenz Verlag


Über die Perspektive

„Die Welt ist voller Unruhe, alles
drunter und drüber, und noch
weiß man nichts Gewisses“ Ödon von Horváth

Einige mächtige Männer
stehen am Horizont
verdecken die Sonne
und fragen:
Wo bleibt
eure Perspektive?

Wir sagen:
Je nachdem
wo man steht
sieht man
auf den Champs Elysées
eine Dame mit Hündchen
einen rotledernen Stiefel
den Absatz eines Stiefels
oder den Dreck daran.
Je nachdem wie man blickt
sieht man auch
Bäume von weitem.
Betrachtet
die mächtigen Äste.
Der Ast einer Kastanie
erschlug hier einen Dichter.

Geht uns aus der Sonne
dann reden wir weiter
über unsere Perspektive.

URSULA KRECHEL (*1947 in Trier, lebt in Berlin)

Aus: Die da/JUNG UND JUNG


Mein Blick ist offen wie eine Sonnenblume...

Bisweilen, an Tagen klaren, vollkommenen Lichtes,
Wenn die Dinge wirklich so sind, wie sie nur sein können,
Frage ich mich in aller Ruhe,
Warum auch ich den Dingen
Schönheit zuschreibe.

Ist eine Blume vielleicht schön?
Eine Frucht, ist sie schön?
Nein: sie besitzen Farbe und Form
Und bloßes Dasein.
Schönheit ist nur ein Name für etwas, das nicht existiert, ein Name,
Den ich Dingen gebe für die Freude, die sie mir bereiten.
Er bedeutet nichts.
Warum aber sage ich dann von Dingen: sie sind schön?

Ja, selbst zu mir, der ich nur lebe, weil ich lebe
Kommen unsichtbar die Lügen der Menschen
Angesichts der Dinge,
Angesichts der Dinge, die einfach vorhanden sind.

Wie schwierig ist es, man selbst zu sein und nur zu sehen, was sichtbar ist!

Fernando Pessoa (geb. 1888 und gest. 1935 in Lissabon)

Aus: Mein Blick ist offen wie eine Sonnenblume/edition sonblom
Übersetzt aus dem Portugiesischen von Inés Koebel


Zeitenfolge

Ein blendenderes Futur wäre vorgestern gewesen
und übermorgen wirst du eine Vergangenheit haben
die sich gewaschen hat und dazwischen pendelst du

Staubtrockene Echtzeit, von blinden Spiegeln umstellt
und wenn du aufblühst im nächsten Frühjahr: presente
über vergilbtem Papier, wird Vergangenheit Vorvergangenheit
ganz unperfekt

URSULA KRECHEL (*1947 in Trier, lebt in Berlin)

Aus: Die da/JUNG UND JUNG


Komm mit dem Cello

Für G.T.

Komm, mit dem cello die Suitte zu erschaffen
und mit der Suitte, was in uns verlorenging
vom menschen

Dann wirst du den bogen entspannen und sagen
Maria Barbara, damit wir
die a-saite in uns
stimmen nach ihrem namen

Wir sterblichen erben
solcher unsterblichkeiten

Komm, der fuß des weinglases
wird die seelenlupe sein

Reiner Kunze

Aus: ein tag auf dieser erde/Fischer Taschenbuch Verlag


Tarnkappe

Leicht sind Gespräche über den neuen Minister,
die Partei, das Programm, die zweifelhaften Geschäfte
weniger leicht
vom Traum zu sprechen und von den Sachen der Liebe
unmißverständlich vom Glück
und der Nacht in den Bergen.
Lang schon ist mir das Selbstverständliche
nicht mehr beantwortet worden und ich bin
glaubwürdig nur für mich selbst, ohne Diskutanten.

Christoph Meckel (* 1935 in Berlin)

Aus: Tarnkappe/Hanser


Auf den Tod / On Death

  Can death be sleep, when life is but a dream,
And scenes of bliss pass as a phantom by?
The transient pleasures as a vision seem,
And yet we think the greatest pain’s to die.

How strange it is that man on earth should roam,
And lead a life of woe, but not forsake
His rugged path; nor dare he view alone
His future doom which is but to awake.
Ist Tod ein Schlaf wie Hiersein bloß ein Traum?
Ist denn das Schauspiel Seligkeit zum Schein?
Das Glück verfliegt – ein Nachbild bleibt uns kaum:
Und doch schafft Sterben allerärgste Pein!

Wie fremd zigeunerisch irrt der Mensch bei Licht,
Lebt hin im Gram, stapft seine Steige brav;
Doch Zukunft zu entsiegeln, wagt er nicht,
Sein Schicksal: aufzufahren aus dem Schlaf. .
 
       
 

JOHN KEATS (* 1975 in London,† 1821 in Rom)

 
 

Aus: Gedichte/ Münchner Edition Schneekluth

Übertragung (1960) von Heinz Piontek

 

Was mich betrifft

Erziehungsberechtigt,
Und doch
Ständig erzogen von meinen Erziehern,

Mit gelockerter Zunge
Mündig geworden,
Und doch
Ständig mich anhaltend, den Mund zu halten,

Geh ich
Noch immer im Kreis.

Auf mich also verwiesen
Im Guten und Schlechten,
Teile ich mit:

Was mich betrifft,
So bin ich ich.

Die Zunge der Schlange ist
geschickter als meine,

Die Haut des Chamäleons
Paßt sich vortrefflicher noch als die meine
Den jeweils herrschenden Umständen an.

Meine Vorzüge, ich gebe es zu,
Sind vergleichsweise gering: aber
Daß ich nicht kriechen kann
Und meine Farbe nicht wechseln

Je nach Belieben
Ist auch eine Gnade, für die ich

Niemand zu danken habe,
Außer mir selbst.

Heinz Czechowski (*1935 in Dresden, † 2009 in Frankfurt am Main)

1981
Aus: Deutsche Lyrik 1961-2000/Deutscher Taschenbuch Verlag


kleinstadtelegie

die schattenkarawane, jeden morgen
ihr aufbruch, und die waschanlage,
die stets aus einem reinen schlaf erwachte.

und in den lieferwagen pendelten
die schweinehälften zwischen ja und nein,
den linden wuchsen herzen. und es paßte

nicht mehr als ein blatt papier zwischen mich und die welt.
und in den gärten, hinter allen hecken
verkündeten die rasenmäher den mai.

JAN WAGNER (*1971 in Hamburg)

Aus: Selbstporträt mit Bienenschwarm/Hanser Berlin
Ausgewählte Gedichte von 2001 - 2015


le souffle

und gelber die sonnen und die monde
nicht schal dein atem die sonde taucht
durch meine lippen nichts mehr
braucht mein lungenflügel als diese
zweite luft hände nicht kalt vom rauch
den schmetterling auf deinem rücken
für meine herzschlagspitzen und kein
fragen wohin wofür die blende zurück
wenn du deine augen aufschlägst das
stück himmel auf deinem schlüsselbein
ich glaub nicht mehr an das glück
allein erstick ich an einer wolke im
mund lass mir den wind den hauch
hoffnng sie muss nicht grösser als
deine knöchel sein

Albert Ostermaier (* 1967, lebt in München)

Aus: POLAR/Gedichte Suhrkamp


Wenn

Wenn Dinge sprechen könnten –
aber wenn sie sprechen könnten, könnten sie auch lügen.
Vor allem die gewöhnlichen, wenig geschätzten,
um endlich Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen.
Grauenhaft sich vorzustellen,
was mir dein abgerissener Knopf sagen würde,
und dir – mein Wohnungsschlüssel,
der alte Schwätzer.

Wislawa Szymborska (* 2. Jul 1923 Polen, + 1. Feb 2012 · Krakau, Polen)

Aus: Glückliche Liebe und andere Gedichte/Suhrkamp


Jeden Abend

Jeden Abend die große Beruhigung der Natur
der Himmel klart auf ein letztes Strahlen
die Eiche ein japanischer Caspar David

überirdische Stille der See ruht
Holunderduft von drüben Stille Ruhe
und doch überall um dich herum

ist Erregung
beseelt die einfachsten Dinge
dich Abgekühlten auch

JOACHIM SARTORIUS (* 1946 in Fürth)

Aus: FÜR NICHTS UND WIEDER ALLES/Kiepenheuer & Witsch


Elisabeth Schwarzkopf in New York

  Die Großen drängt es noch fieberhaft nach Mailand, Wien, Paris -wo gab´s mehr Anmut, Hingabe, Genie?
Verlust der Anmut, eine Bagatelle, kostet
die Nische im Pantheon oder in New York;
und was Europa anbelangt – man kann es mit sich bringen.
Elisabeth Schwarzkopf singt, eins mit ihrer Rolle,
„Wo ist Silvia“ und die alte Marschallin,
bis die zeitbeladnen Ströme beider Welten,
Hudson und Donau, ihre Dämme sprengen,
wie Tang mein Rückenmark durchbeben,
vom Satyrschopf bis zum verhornten Huf…
La Diva, coiffiert, verwandelt für die Bühne,
gibt sich bei Aufnahmen salopp in alten wollnen Sachen,
ganz der kommode Einzelgast fürs Wochenend.
The great still fever for Paris, Vienna, Milan;
which had more genius, grace, preoccupations?
Loss of grace is bagatelle to pay
for a niche in the Pantheon or New York -
and as for Europe, they could bring it with them.
Elisabeth Schwarzkopf sings, herself her part,
Wo ist Silvia, Die alte Marschallin,
until the historic rivers of both worlds
the Hudson and the Danube burst their bar,
trembling like water-ivy down my spine,
from satyr´s tussock to hardened hoof….
La Diva, crisped, remodelled for the boards,
roughs it with chaff and cardigan at recordings
like anyone´s single und useful weekend guest.
 
       
 

ROBERT LOWELL (1917 – 1977)

ROBERT LOWELL (1917 – 1977)

 
 

Übertragung von Manfred Pfister

Aus: Gedichte – Klett-Cotta -

 

Märchen

ich bin dir gefolgt
aber ich fand dich nicht
der Wind war ungnädig, Kälte
stieg aus dem Boden empor

ich dachte an Märchen worin sich
wer Fehler macht verwandelt
in einen Baum in einen Stein

aber ich glaubte nicht an Märchen
ich glaubte an Jahreszeiten, an Tag
und Nacht, an einst und irgendwann
irgendwann, da würde ich dich finden

da war Leere, die gefüllt sein würde
Wind, der sich legte, und dann
die Sonne, die wie ein Suchlicht
über die Hügel gleiten würde

Miriam Van hee

Aus dem Niederländischen von Gregor Seferens
Aus: Der Zusammenhang zwischen den Tagen
Edition Korrespondenzen


Dinge betrachten

Dinge betrachten
ohne sie beschreiben zu müssen
nur den Platz sehen
den sie einnehmen
im Verhältnis zum Fenster
zum Lehnstuhl
zur Straße
und sie heraustreten lassen
aus dem gewohnten Raum
in Vereinbarung
mit der Gegenwart
oder Abwesenheit anderer Dinge
sie einordnen
und verbinden
mit fremden Gegenständen
ihre Wichtigkeit
und Nützlichkeit einschätzen
bevor man beginnt
sie an eigene Handlungen
zu knüpfen

Anise Koltz (* 12. Juni 1928 in Luxemburg)

Aus: Fragmente aus Babylon/Delp´sche Verlagsbuchhandlung München


Befähigung

Ohne Pflicht ohne Auftrag ohne Recht
ohne Kompetenz in der Sache:
Wer will was von mir hören?

Früher einmal gab es Wesen die Musen hießen
Meisterinnen des Schmerz und des Entzückens

Wer ihnen folgte drang weit
vor in sein Herz so viel Wildnis
drinnen war keine Welt mehr
Bewegung nur einen Ort zu schaffen
aus Selbst- und Mitlauten manchmal ein Wort

Heute ödet uns jeder beschriebene Weg
und jeder erklimmbare Gipfel.
Wer lehrt uns Wörter
gewichtiger als das was weiß bleibt
auf dem Papier. Und wer
bringt uns ein Schweigen bei
das die Welt nicht enger und leerer macht

ULLA HAHN (* 30. April 1945 in Brachthausen)

1995
aus: Deutsche Lyrik 1961-2000/dtv


wie es bei uns so ist

dieses land ist
ein luckertes hemd
eine zertepschte violine
eine verhatscherte sohle
eine zerlempte harpfen
die bewohner erwachen
wenn aufgespielt wird
gratisachterln herumstehen
wenn einer birnt wird
ein gedicht
das sind gelungene palatschinken
literatur
muß für sie essbar sein

Elfriede Gerstl (* 16. Juni 1932 in Wien; † 9.April 2009 in Wien)

1993
Aus: Deutsche Lyrik 1961 – 2000/Deutscher Taschenbuch Verlag


oscarnacht

oscarnacht, vor dem mcdrive zwischen palmen
gleiten dunkle limousinen wie
stahlgewordener spott vorbei.
meine mutter, sagt ein skater, (nippt am bier)
ist mit travolta in eine klasse gegangen,
er sagt es, als hätte sie ihn haben können,
und habe die chance verpaßt, er haßt sie dafür.

Helmut Krausser (*1964 in Esslingen)

Aus: Strom/Gedichte Rowohlt


(Auf dem Grund)

auf dem Grund des Unwirklichen
ist immer das Wirkliche

auf dem Weg dorthin gibt es Schatten
ausgelöschte Begegnungen
murmelnde Stimmen, erstarrte Bewegungen
Erosion, Dunst, Spuren
im Sand und du selbst
der nach einem Umriß tastet

damit du wirklich werden kannst
auf dem Grund des Wirklichen

PAAL-HELGE HAUGEN (*1945 in Valle/Norwegen)

aus: Das überwinterte Licht/KLEINHEINRICH
Aus dem Norwegischen von Siegfried Weibel


Gartengeschichte

Von oben gesehen, die Wiese, auf der
die ganze Avantgarde hochkommt, ein paar
Millionen Schneeglöckchen, die weiße Dominanz
für ein paar Wochen, bis
von unten der Aufstand sich breitmacht,
steppenhaft Kräuter und Büschel, die grüne
Gleichmacherei, gegen die wir dann
vorgehn mit Rasenmäher und Sense, Kulturkampf
im Sommer, bis Friede wieder unterm Schnee.

Jürgen Becker

Aus: Journal der Wiederholungen/Suhrkamp


Karneval

Den Schmerz
hat er ausgezogen,
zerissen den Stoff,
die alten Fetzen
zum Müll geworfen.

Jetzt schlüpft er
ins Lachen,
selbstgenäht
von ihm,
und zeigt sich
hier und da und dort
in seinem neuen Kostüm.

Karneval übt er
tagein, tagaus.

Olly Komenda-Soentgerath

Aus: Geträumte Brücke/Heiderhoff Verlag


Emile Verhaeren 1855 - 1916

Der mich dereinst spätabends liest in fernen Jahren,
Mein Werk aus seinem Schutt und Schlafe störend
Und gierig meiner Seele stummen Sinn beschwörend.
Mit welcher Hoffnung Wir von einst gewappnet waren,

Er wisse, wie durch Thränen, Schreie und Revolten
Mit wilder Inbrunst erst sich mein Frohlocken mühte,
Wie es im herben Manneskampf der Schmerzen glühte,
Bis es die Liebe fand, der seine Brunst gegolten.

Ich liebe meinen Fieberblick, mein Hirn, die Nerven,
Im Herzen und im Leib des Blutes warmes Raunen,
Ich liebe Mensch‘ und Welt und kann die Kraft bestaunen,
Die meine Kräfte spendend in das Weltall werfen.

Den Leben heisst allein: empfangen und verschwenden.
Und nur die Sehnsuchtswilden haben mich begeistert,
Die auch so gierig standen, keuchend und bemeistert
Vom Leben und von seiner Weissheit roten Bränden.

Emile Verhaeren

Aus: Ausgewählte Gedichte in Nachdichtung von Stefan Zweig
Schuster & Löffler Berlin 1904


Attention Difference Syndrome

Haut umarmt Haut, Sinne umarmen Sinne.
Er beschäftige sich mit Zellen, antwortet er auf die Frage,
ob Patienten oder Forschung seine Tage füllen.
Ich verpasse Chancen und Züge, verliere Stifte, auch Freunde.
Ich füge mich in das Syndrom des Tages.

Berühren erfordert eine andere Organisation des Gehirns
als, zum Beispiel, Schreiben. Das macht uns zu einzigartigen Menschen.
Eigenartig?

Tzveta Sofronieva

Aus: Landschaften, Ufer Edition Lyrik Kabinett bei Hanser


Unruhe

Schneefall, Nacht, Stille.
Frühe Abdrücke.
Kratzen der Schieber.
Ich kenne die Nachbarschaft.
Ich geh meinen Weg.
Schwarzweiße Erinnerung.
Was willst Du mir sagen?
Schwarzweiße Vögel.
Das Notwendige.
Abgesagt.

Uwe Kolbe

Aus: Gegenreden/S. Fischer


A patch of old snow - Ein Flecken alter Schnee

  Dort in der Ecke liegt ein Flecken alter Schnee,
der war, so hätt ich denken können,
ein fortgewehter Zettel, den der Regen
zur Ruh gebettet hat.

Er ist mit Ruß gesprenkelt,
als wäre er ganz klein bedruckt,
die Nachricht eines Tages, schon vergessen,
falls ich sie je gelesen habe
There`s a patch of old snow in a corner,
That I should have guessed
Was a blow-away paper the rain
Had brought to rest.

It is speckled with grime as if
Small print overspread it,
The news of a day I´ve forgotten -
If I ever read it.
 
       
 

ROBERT FROST

ROBERT FROST

 
 

aus: Promises to keep/C.H. Beck textura
Übersetzung von Lars Vollert

aus: Promises to keep/C.H. Beck textura

 

Wetterbericht

Keine Leute gesehen. Zuhause
mache ich das Radio an……es warnt,
Unwetter, Blitzeis etc. Draußen
war es so angenehm, milde, still
und leer in den Straßen.

Jürgen Becker

Aus: Dorfrand mit Tankstelle/Bibliothek Suhrkamp


Am Grab einer Schauspielerin

(Gun Arvidsson 1930 – 2004)

Berenice am Ende der Siebzigerjahre
in Racines seltsamen Drama:
Der Bühnenbogen ist ein weitgestreckter Spiegel,
wo sie, anmutig ruhend
ihre eigene Schönheit genießt.
Die nackten Beine pendeln
vor und zurück.
Im Rhythmus des Alexandriners.
Sie sieht ihr Gesicht
aus der Spiegelwelt aufblicken,
und es erscheint rätselhaft,
als sehe sie es zum ersten Mal.
Das ist jetzt lange her.
Voller Unklarheiten
diese Zeit,
aber in ihrem Verlauf
überlebte dieses Bild
und entstieg dem Stein.
Ich sah sie nie in einer anderen Szene
als in ebendieser.
Und meine Erzählung hat kein Ende

Lars Gustafsson

Aus dem Schwedischen von Verena Reichel/FAZ 11.12.2015


Wiedersehen in der Stadt für ein Plakat der Literaturhäuser

Plötzlich, nach all den Jahren, sieht man
sich wieder. Komm, wir haben uns viel
zu erzählen; die Kneipe von damals
ist gleich gegenüber. Du hast keine Zeit?

So geht es mir auch……nie hat man
Zeit. Irgendwann sind wir zu alt. Die Kneipe
hat dann zugemacht, und wenn wir uns noch
erinnern, fallen uns die Namen nicht ein.

Jürgen Becker

aus: Dorfrand mit Tankstelle/Bibliothek Suhrkamp
Gedichte von 1999 - 2006


Going to Pasárgada - Nach Pasárgada

  aus dem Fenster schauen, sich vergewissern
dass man existiert, weil die Welt
da draußen existiert. Drinnen
sind Bücher, vielleicht der Gedanke
an ein Kind, das man nie hatte, ist
ein Bett, eine Schreibmaschine.
Ein Telefon, das klingelt, wiederum
Welt nachweist, Töne, elektrische
Signale. Dann hinaus, gehen
durch die Stadt. Die kein Beweis ist
dass es das Drinnen gibt hinter
den Fensterläden, schon eher
der Milchmann, der Zeitungsverkäufer:
Aufblitzen einer Möglichkeit, Falten
im Anzug, Gesten des Alltags,
die Rettung der Substantive
Radfahren, Könige, Lektionen
vom Weggehen, jedes Ding
an seinem Platz
looking out of the window, reassuring yourself
that you exist, because the world
outside exists. Inside
there are books, perhaps the thought
of a child you never had,
a bed, a typewriter.
A telephone that rings, evidence
in its turn of world, sounds, electric
signals. Then out, walking
through the city. Which is no evidence
that the inside exists behind
shutters, though more probable
are the milkman, the newspaper seller:
the flash of a possibility, creases
in your suit, everyday gestures,
the rescuing of the nouns
bicycles, kings, lessons
in leaving, each thing
in its place
 
       
 

Anna Crowe

Anna Crowe

 
 

Übersetzt von Odile Kennel
Aus VERSschmuggel/Verlag Wunderhorn

after the film „O poeta do castelo“ about Manuel Bandeira
by Joaquim Pedro de Andrade (1959)
Aus VERSschmuggel/Verlag Wunderhorn

 

Die Reise

Für Marie Luise Kaschnitz

Eines Abends
im späten November flacher Seen
trat aus dem Regengeräusch ein Mann.
Wir nahmen den Pfad durch das hohe Rohr.
Es wehte kühl an meine Schläfen,
als ging ich
zwischen den Mähnen zweier Pferde.
Sie trugen
in Säcken aus Nebel
mein Gepäck,
das leichter war als der Nachtwind
über dem Schilf.

Nicht der Fährtenkundige,
der noch im Geröll
das Wasser und die Taube findet,
der Schwache
mit schwärender Schulter führte mich,
wo an den Pfählen
der weiße Rauch
ins Dickicht eiserner Disteln zog.

Peter Huchel

Aus: Gedichte (1963 -1972)/Bibliothek Suhrkamp


Liebesleben

Vom Alltag bricht´s sich am leichtesten zum
Unentdeckten auf. Und das schon beim ersten Kaffee.
Frühmorgens, auch wenn ich das nicht mehr so klar seh.
Haben wir bestimmt mal Wittgensteins Irrtum
angesichts des Unsagbaren entdeckt oder den Unterschied
zwischen einem Bäcker und irgendeinem Teppich.
Das heißt, all das, was man normalerweise übersieht.
Jedenfalls war das die Frage im Weihnachtskalender,
in einem der kleinen Briefe, den du an mich
adressiert hast. Irgendwo im Nebenzimmer.
Und wenn du, wie jetzt, ganz woanders bist. Allein.
Und es still geworden ist. Ich nichts mehr von dir höre.
Dann ist nur verwunderlich, dass ich noch immer
spreche. Aber nicht, was ich zu sagen habe.

ARMIN SENSER

Aus: Liebesleben /Edition Lyrik Kabinett bei Hanser


Sehnliches oder Sehen.... / The fervent or seeing.......

  Sehnliches oder Sehen, es
beugen die Zweige sich und
wärmer noch oder bricht
von Früchten schwer, was
zärtlich entlang im Laub
verirrt und leuchtend liegt

Denn einsam und mild, nah
hieß es, dem letzten Schein
sinkt, von Stimmen umspielt
das Haupt, die Hand, es
war, ich nannte dich und
Stille das herbstliche Licht

Dein Park, deine Bank mit
Gezwitscher, Kastanien, die
fallen, die schlagen, auf am
Kies, Sand, ich sah deinen
Fuß, eine Feder fast weiß
schaukeln nieder und ruhn
The fervent or seeing
the branches bend and
warmer still or breaking
heavy with fruit what
tender along the leaves
and lostt lies shining

For lonely and mild close
it was said to last light
sinks haloed by voices
the head the hand it
was I called you and
stillness the autumn light

Your park your bench
with chirping chestnuts
falling splitting open on the
gravel sand I saw your
foot a feather almost white
see-dsaw-down and rest.
 
       
 

Michael Donhauser

Translated by Ian Galbraith

 
 

Aus: Sarganserland/ Urs Engeler Editor, 1998

From: Shearsmann No. 57
Winter 2003/2004

 

Gleichnis I

nur narren sind favoriten des glücks
es erwischt uns stets überrücks
und glaubst du bei diesem passionsspiel
den schnürboden zu kennen
landest du im requisitenkeller der hinterlist
was immer das lebensziel
am ende bleibt man statist
eines dreigroschenstücks
mensch darf sich nennen
wer dabei nicht scheinheilig wird
gelobt wer sich irrt

3 XII 14

RAOUL SCHROTT

Aus: Die Kunst an nichts zu glauben/Hanser 2015


Die Zukunft

(Fragment eines Roman, 2121 zu veröffentlichen)

Erst wenn alle Stecker gezogen worden sind, wird der Strom wieder in uns
fließen. Von keiner Benutzeroberfläche mehr ist unser Blick zum Horizont
dann verstellt. Ängstlich verschwitzt und auf uns selbst zurückgestutzt,
atmeten wir anders als zuvor. Wir müssten wieder lernen, uns in unseren
ursprünglichen, vergessenen Körpern und Köpfen zu behaupten, wie Babys;
soeben aus dem Mutterleib verstoßen; schreiend, sprachlos, noch fast blind.

Jürg Halter

© Wallstein Verlag, Göttingen, 2014
Aus: Wir fürchten das Ende der Musik


Zehn Zeilen Napoli

Das Unermessliche schaut zum Fenster herein:
Auf den Wellen gebrochenes Licht,
zwischen den Balustraden gepresst,
ein Kippbild aus Kelchen,
in denen der Tag von Sonne trinkt.

Es fließt über die Ränder
in die Augen ab, die sich satt sehen
am Blau, ein Vorgeschmack
auf die Ewigkeit, die zum Greifen nah
mit der Fähre den Raum verlässt.

Jan Volker Röhnert

F.A.Z. 25.09.2015


naturbeschreibung

  die wolken ziehen sich in falten
die blumen erbleichen
die wiesen wenden sich ab
die wege verkriechen sich
die steine starren vor sich hin
die berge versinken in schweigen
die täler erschauern
ein windstoss entringt sich den lüften
die flüsse treten aus den ufern
die büsche raufen sich die blätter
die bäume schlagen die äste über den wipfeln zusammen

die erde taumelt in die nacht
clouds frown
flowers grow pale
fields turn a cold shoulder
paths crawl into a corner
stones stare blindly
mountains sink into silence
valleys shudder
a gust of wind escapes from the air
rivers step over their banks
bushes tear their leaves
trees throw up their branches

earth totters into the night
 

(1979) Gerhard Rühm

Aus: geschlechterdings/Rowohlt Verlag 1990
Übersetzt von Rosemarie Waldrop


September

september
in der luftkälte begonienwinter
erste talschatten, blau

und rollenwechsel
stündlich jetzt

ich
ich
dieses jokerpronomen
innsbruck

julia rhomberg

aus: Grashalme Statisten/haymon


Befreiung von den großen Vorbildern

Kein Geringerer
als Leonardo da Vinci
lehrt uns
„Wer immer nur Autoritäten zitiert
macht zwar von seinem Gedächtnis Gebrauch
doch nicht
von seinem Verstand“

Prägt euch das endlich ein:
Mit Leonardo
los von den Autoritäten!

Erich Fried

Aus: Die Freiheit den Mund aufzumachen/Quarthefte Wagenbach


FAUST

FAUST

Als ich mehr wusste und weniger
Sprache hatte als ein Zeisig im Herbst

(bis gestern scheints aber lang ists her
denn mit den Wörtern kommt Vergessen)

waren die Donner platzende Wolkensäcke
und das Grollen der Atem beim Aufblasen der Wolken

Gern würd ich wieder wissen dürfen
dass die Welt eine offene Hand

und was man glauben muss an Fingern abzuzählen ist
es gut sei überall außer wenn die Hand sich schließt

Christoph Wilhelm Aigner

Mit Erlaubnis des Autors


Vergebliche Grenzen

Ein Ort,
ich sage nicht: ein Raum,
ich spreche
wovon?
Ich spreche von dem, was nicht ist.
Ich spreche von dem, was ich kenne.

Nicht die Zeit,
nur alle Augenblicke,
nicht die Liebe,
nein,
ja,
nein.

Ein Ort der Abwesenheit,
ein Faden erbärmlicher Verbindung.

Alejandra Pizarnik (1936 – 1972)

Aus: Cenizas/Asche, Asche/Ammann


STILL LIFE - STILLEBEN
Mondlicht fällt über ein Schachbrett

  Ich hungere so danach zu Schreiben,
Dass ich ein Lied über ein Schachbrett machen könnte,
Und die Intrigen der Pferde und Läufer reimen
Auf das hohle Schicksal eines matt gesetzten Königs.
Ich hätte eine Königin sein können, aber mir fehlt dasgeeigneteJahrhundert
Ich hätte ein Dichter sein können, doch wo ist das Wagnis, das mich,
in Flammen sprengt.

Cousin Mond, unsere Verwandtschaft zeigt sich seltsam,
Bin doch auch ich ein heller alter Körper,
Fortwährend kreisend über der lebenden Welt.
I am so aching to write
That I could make a song out of a chess-board
And rhyme the intrigues of knights and bishops
And the hollow fate of a checkmated king.
I might have been a queen, but I lack the proper century;
I might have been a poet, but where ist the adventure to explode
me into flame.

Cousin Moon, our kinship is curiously demonstrated,
For I, too, am a bright, old corpse
Perpetually circling above a living world
 

AMY LOWELL (1874 – 1925)

Aus dem Amerikanischen übersetzt von Annette Kühn
Aus: verwundertes Glimmen/luxbooks.americana


Brise am Morgen

In das helle Papier gräbt die Feder
blaue, tiefblaue Sätze.

Während ich über den Tisch gebeugt schreibe
und die Worte sich verdichten – ein Meer von Ultramarin –,
finde ich mich auf einmal über eine Reling hinabschauen
auf junge Mädchen von verstörender Schönheit,
die in Felsen nisten und mit den Wellen aufschäumen,
über die grünen Steine gleiten, ins Wasser tauchen
und verlöschen wie glühender Stahl,
morgens, während wir uns den schlaftrunkenen Inseln nähern
im Erschauern des Meeres mitten im August.

Stratis Paschalis

Deutsche Nachdichtung Brigitte Oleschinski
Aus: ´Anthi tou neroú. [Waterflowers / Wasserblüten].
Athen: Ikaros, 1994


Bestiarium

Der Frosch
Der Frosch ist Stein und Steinwurf.

Kuhschwanz
Er ist der angemessene Dirigentenstab
vom Orchester der summenden Fliegen.

Die Motte
Beharrlich besteht sie darauf, den Schriftstellern zu zeigen,
dass es noch Wege gibt, von den Büchern zu leben.

Luis Ignacio Helguera

Aus: Nueva Poesia America Latina/Literaturmagazin Rowohlt 38
Aus dem Spanischen von Juana und Tobias Burghardt


TIEF steht die Sonne

TIEF steht die Sonne. Du ziehst ihr Abendrot auf
deine Lippen, und das Meer rollt Rosen heran, tosende
Rosen, in deren Gedicht aus Gewitter wir erwachen,
lang und knapp unter der Oberfläche des Tages.

Jürgen Nendza

Aus: und am Satzende /WeißLandpresse, Weilerswist 1999


VON HIER NACH DORT

(Haide bei Burgeis)

Über die Schlangenlinie
des Asphalts
singen die Motoren
das Lob / der Landschaft
und meine Sehnsucht / fällt
ein
ins leise Stöhnen der Lkws

Immer noch / hört man
das Wort
von unerreichten Horizonten
von Glück und Glas
Und über die / Sichtfenster
(im Gegenlicht abends)

Schleppen Schnecken / ihr Haus
Ihr (ganzes) Leben

SEPP MALL

Aus: WO IST DEIN HAUS/HAYMON 2007


ENGAGEMENT

Weltfremd, sagst du. Aber fremd welcher Welt?
Draußen sengende Sonne. Und drinnen barfuss laufen
Über die kühlen Fliesen meines bodenlosen Hauses, alles
Hängt in der Luft, ein Süden, du, viel Geld, auch ich.

Ist das denn weltfremd? Aber fremd welcher Welt?
Soll ich den Magen meiner Neugier etwa nähren
Mit deinem Elend? Und ist mein Traum kein Freiraum?
Ist mir das Recht versagt zu singen, wenn du leidest?

Oder darf meine Poesie keine lästigen Fragen stellen
An meine Poesie? Muss ich meine Goldfinger zerbrechen
Und Mordberichte lesen mit meinen ohnmächtigen Händen?
Soll ich mein Kinderspiel für immer unterbrechen?

Soll ich die Tagesschau beweinen mit erwachsenen Augen?
Du hast einen großen Schmerz auf der anderen Seite der Erde
Oder hier in meiner Strasse, und ich hab den meinen, klein, privat
Und weltfremd, sagst du. Aber fremd welcher Welt?

Leonard Nolens

Aus: Geboortebewijs /Geburtsschein: Ard Posthuma 1997
Aus dem Niederländischen übersetzt von Ard Posthuma


Kurze Beschreibung eines Sommers

Brände            Der Sommer loht vierfach von allen Seiten

Die Akazienhaine stehn in betäubender Blüte
in den Rehbergen glimmt die grüne Seele des Weins
der wilde Mohn verblutet im Korn

Es kommt die Dämmernis
und über die silberne Brücke schreitet der Mond

Die Welt ist wie ein Brotlaib frisch aus dem Ofen
und die Nacht tut sich gütlich daran

JAN SKÁCEL

Aus: Ein Wind mit Namen Jaromír/Residenz Verlag


Suche nach Klee

Jazz in den Wolken
Die wuchernden Gebilde
Deiner Stimme
Der Wind fällt in Locken
Klingt in Glocken-
Blumen holt das Blau
Auf die Erde der Rhythmus
Der Gräser wippt zwischen Wolken-
Wiesen krautigem Grün ich suche
Nicht mehr nach dem Glück

CHRISTINE LANGER

Aus: Jazz in den Wolken/Klöpfer&Meyer


Spaziergang bei Amherst

Die Welt geht nicht verloren,
weil sie noch keiner fand –
sie ging am Fluss entlang.
Das Wasser rauschte.
Wen könnte sie so lieben?

Der Sommer glänzte im Gebüsch,
in Brombeersträuchern, dachte sie,
die Wellen eines Sommermeers.
Sie ging am Fluss entlang –
Weil keiner nur verloren ist.

Die Wellen rauschten.
Der große schwarze Freund, ach du –
Ihr Hund sprang in den Fluss.
Wen könnte ich so lieben?
Geh nicht verloren, bitte, Welt.

Für Sarah Nemtsov

Mirko Bonné

Aus: Traklpark/Schöffling & Co


Berlin - paläontologisch

Hier liegen alle Sedimente offen:
In Schichten wird Geschichte präsentiert:
Blut, Schweiß und Dreck, durchsetzt von Hoffen,
was durchs Gestein vergangner Tage führt.

Die Stadt: Fossil an allen Enden:
Erstorbne Zeit, die in sich selbst verharrt.
Du wagst den Blick nicht abzuwenden,
auf daß sie bleibt: Als Gegenwart.

Günter Kunert

Aus: Gedichte/Carl Hanser Verlag


Sogni a mezzaluna - Träume auf Halbmond

  halbmond
in der
morgensone

zeichen
unvollendeter
träume
mezzaluna
al sole
mattiniero

segno
di sogni
incompiuti
 

Gerhard Kofler

Aus: L’universo dei minuti preziosi/Haymon


julielegie

der garten in meiner kindheit
eine der beständigsten denkfiguren: er
lebte von seiner präsenz.

so im sommer, wenn der plastikschrott
um den grill sich versammelte, aber
vor allem, wenn der boden fror.

Die sträucher am zaun waren zäh.
mindestens zwei stunden torschusstraining
hielten sie täglich stand.

am fenster das schwesterngesicht, ungleich
missgünstiger als jenes der oma
zwei stöcke tiefer.

im mai, im mai,
da war es noch nicht juli, aber
immerhin.

MARIUS HULPE

Aus: Neubuch. Neue junge Lyrik/yedermann verlag münchen


Fränkische Schweiz

Niemand probt den Ernstfall.
Niemand will wissen, was geschieht,
wenn er eintritt.
Jetzt
sind die Kreidefelsen das Event.
Man sieht den Bungee-Springern zu
oder springt selbst hinaus
aus der Weltgeschichte, den Katastrophen.
Man wandert
der Sprache aus dem Weg.
Während, abends, im Hotelzimmer
das Licht ausgeht,
geht vielleicht der Fuchs auf Jagd,
das geschieht lautlos, jenseits
von Moral, die sich ändert.
Im Traum
verläßt die Seele den Körper.
Wenn du aufwachst, weißt du
nicht, wo sie war.

Franz Hodjak

Aus: Der Gedanke, mich selbst zu entführen, bot sich an
Verlag Schuhmachergebler

Lehmkürbis, ein Schmuckstück

im Juni zerbricht ein klarer Libellenflügel
in hellgrüner Luft, so ein dünnes
Wasser; die Blätter schon warm kleine
Blüten geschlüpft, nur unsere Körper noch kahl
und durchsichtig, werden mit glühenden
Wespenfäden vernäht … die leichten
leckenden Augen, Insekten-
zittern, und Lichtnadeln dein
vorüberwehender Blick,
- wie starr steht die Sonne und frühreif
über dem See

Marion Poschmann

Aus: Grund zu schafen/Frankfurter Verlagsanstalt


Flügelschlag

Meine Jungsteinzeit denke ich geht nun
Zuende. Ich werfe den Faustkeil
Achtlos zur Seite bediene mich
Raffinierterer Bronzefeder notiere
Seltsamen Lebensweg von mir
Selbst überflogen von
Herrlichen Wolken grauen
Wackelndem Reiher der jetzt
Niedergeht damit die
Landschaft vollständig würde.

Sarah Kirsch

Aus: Bodenlos/DVA


Transit

Transit durch die
Gezeiten der Gefühle

Unnötiges liegenlassen als Strandgut

Für die Reise
mich beschränken
auf das notwendigste innere Mobiliar

Ich pur
was ist das?

Eveline Hasler

Aus: Auf Wörtern reisen/Pendo


COME MADRE

  La luce che diffonde il Monte Amiata
quando il sole declina,
la folata di vento che dall ´orizzonte
s’avvicina: questo vorremmo possedere.
Ma ora afflitti dal ritmo quotidiano
ora incupiti dal senso di colpa
viviamo come trote avviluppate nella mota.
Poi, a fior d‘ aqua, la visione lieta
d’una scia d’opale che in pochi istanti stinge
lasciando un scolco per farsi ricordare.
Ed è la prova che mi consola. Un giorno
anch’io sarò alvo per chi non mi smemora.
Das Licht das vom Monte Amiata ausgeht
wen die Sonne sinkt,
der Windstoß der vom Horizont
herkommt: das möchten wir festhalten.
Doch einmal geplagt vom täglichen Tempo
ein andermal verdüstert von Schuldgefühlen
leben wir wie Forellen eingewickelt im Schlamm.
Dann, auf der Wasseroberfläche, die zarte Vision
einer schillernden Spur die augenblicklich verblaßt
und eine Furche hinterläßt die daran erinnert.
Und diese Erfahrung tröstet mich. Eines Tages
bin auch ich Schoß für den der mich nicht vergißt.
 
       
 

EUGENIO MONTALE

EUGENIO MONTALE

 
 

Übersetzt von Christine Koschel

Aus: die worte sprühen/P. Kirchheim

 

Frühling

Mit dem Akazienduft
fliegt der Frühling
in dein Erstaunen

Die Zeit sagt
ich bin tausendgrün
und blühe
in vielen Farben

Lachend ruft die Sonne
ich schenke euch wieder
Wärme und Glanz

Ich bin der Atem der Erde
flüstert die Luft

Der Flieder
duftet
uns jung.

Rose Ausländer

Aus: Hinter allen Worten/Fischer


Vielleicht anderswo

Ich hatte den Polarstern im
Haar               Kassiopeia am Handgelenk
der Große Bär war nicht weit
von unserem Zeichen               an unseren Schläfen
drängte die Zeit

Warum gingen wir nicht bis ans Ende
des Rätsels?

Claire Krähenbühl

Aus: Vielleicht anderswo/Wolfbach Verlag Zürich


Im Park

Ich höre schon
Wie´s Gras wächst. Maiwürfe
Graben sich von mir zu dir
Ich hab die Wiesen aufgeschüttelt doch
Du Schönster
Entblühst mit Käferinnen und Kamillen

Kerstin Hensel

Aus: Alle Wetter/Sammlung Luchterhand


Thüringer April

Noch ist der Frühling gelb vom Raps
und der Holunder doldenweiß,
ein winterloser Schneeball an den Ästen
und hinter rosa Blust versteckt die Dornen.

Bereits verblüht der Löwenzahn,
fürs Pustespiel bereit,
auf einen Luftstoß hoffend,
um Herkunft hinter sich zu lassen.

Inzwischen mahlen Turbinen den Wind
für einen Samen-Sommer
anderswo.

Hugo Loetscher

Aus: Es war einmal die Welt/Diogenes


Wer sind wir / Chi siamo

  Chi siamo, dove siamo, continente,
città, casa, a che piano, e cellulare:
uno per uno ritroveranno,
noi sparsi fili, la notte del raduno,
fili pazzi, sfrangiati,
e passeremo a forza per la cruna
a interesse i tappeti dell’eterno.
Wer sind wir, wo sind wir, Kontinent,
Stadt, Wohnung, auf welchem Stock und welchem Handy:
einen nach dem anderen werden sie uns wiederfinden,
verstreute Fäden, in der Nacht der Zusammenkunft,
wirre, verfranste Fäden,
werden wir uns hindurchzwängen durch das Nadelöhr,
zu weben die Teppiche des Ewigen.
 
       
 

Anna Maria Carpi

Anna Maria Carpi

 
 

Edition Lyrik Kabinett bei Hanser

Aus dem Italienischen von Piero Salabè

 

Windgeschenke

Die Luft ein Archipel
von Duftinseln.
Schwaden von Lindenblüten
und sonnigem Heu,
süß vertraut,
stehen und warten auf mich
als umhüllten mich Tücher,
von lange her
aus sanftem Zuhaus
von der Mutter gewoben.

Ich bin wie im Traum
und kann den Windgeschenken
kaum glauben.
Wolken von Zärtlichkeit
fangen mich ein,
und das Glück beißt
seinen kleinen Zahn
in mein Herz.

HILDE DOMIN

Aus: Wer es könnte/S. Fischer Verlag


Präsent

Hinter dem kahlen Geäst
der Winterbäume ein verblichener Mond,
besiedelt von lautlosen Gedanken.
Am Sonntagmorgen
gibt sich die Welt ausgestorben. Nur
eine einsame Katze streift umher,
der Liebe bedürftig wie die Toten,
die man auf Erden in der Erde vergaß.
Ihnen zu Ehren
steht der Wind still.
Einige Rhododendronbüsche entledigen
sich diverser Tränen. Solche Ruhe
verschenkt die Natur
nicht alle Tage und dennoch
gütig an all ihre bösen Kinder.

Günther Kunert

Aus: Ohne Botschaften/zu Klampen


da -

da –
in einer Mondnacht
beschloß ich
Nomade zu sein
und wählte
Wehe um Wehe
als Wüste
die Welt
kam dünen-weit
fast bis zum Schweigen
ich war bereits
beim Vers.

HUGO LOETSCHER

Aus: Es war einmal die Welt/Diogenes


bald

die bergseen kriegen
graugruene augen
bald
geht das heu zur neige

die hennen legen
auf ostern zu
bald
bleibt der ofen ohne holz

die tage steigen
in langes licht
bald
ist mir nimmer kalt
& ich bei Dir
leer vom winter her

NORBERT C. KASER

aus: herrgottswinkel/A1 Verlag


Neues Hotel (Krakau) Februar

Im Februar sind die Pappeln noch schlanker
als im Sommer, durchgefroren. Meine Familie
ist über der ganzen Erde verstreut, unter der Erde,
in verschiedenen Ländern, in Gedichten, Bildern.

Ich bin auf dem Platz Na Groblach, mittags.
Hier besuchte ich manchmal (ein wenig
aus Pflichtgefühl) Tante und Onkel.
Sie klagten nicht einmal mehr über ihr Los

oder das System, nur ihre Gesichter
glichen einem leeren Antiquariat.
Jetzt wohnt jemand anders in diesem Haus,
fremde Menschen, der Geruch eines anderen Lebens.

In der Nähe ist ein neues Hotel entstanden,
helle Zimmer, das Frühstück sicher comme il fault
Säfte, Kaffee und Toast, Glas, Beton,
Vergessen – und plötzlich, ich weiß nicht warum,
ein Augenblick durchdringender Freude.

ADAM ZAGAJEWSKI

Aus dem Polnischen von Renate Schmidgall/Hanser/
Edition Lyrik Kabinett


Magica / Zauber

  A frammenti, solo
e per ellissi
risponde
la biblioteca della memoria.

Alla richieste, all’urgenza del prestito
(e lo struggimento dell’ora vorrebbe
subito, qui, tutto, il passato
per colmare il dolore
e garantirlo)

lievemente
come galleggiano i sogni
dall’aria insondabile del remoto
innalza un’immagine

onnipotente, illustrata e magica.
In Fragmenten allein
und in Ellipsen
antwortet
die Bibliothek der Erinnerung.

Auf die Anfrage, den dringlichen Wunsch nach Auskunft
(und das Verlangen dieser Stunde möchte
die Vergangenheit sofort, hier, vollumfänglich
um den Schmerz auszufüllen
und ihn zu garantieren)

läßt sie sacht,
wie die Träume schweben,
aus der unwägbaren Luft des schon Entfernten
ein Bild aufsteigen,

allmächtig, farbig und voller Zauber.
 
       
 

DONATA BERRA

 
 

Aus: Tra terra e cielo/Waldgut

Aus dem Italienischem von Jochen Kelter
Zwischen Erde und Himmel/Waldugt

 

Schachzüge meines Verlangens

(von Konstantin Kavafis verworfenes Gedicht, geschrieben vor dem Jüngling
von Myota, Marmor, 180 cm, 460 - 450 v. Chr.)


Das Gedicht
sucht einen Ort
für die Schachzüge meines Verlangens.
Es kann es nicht offen tun.
Erspart mir Erklärungen.
Die Stadt ist eine Bürde.
Fabel, Apokryphe: Alter Stoff
verhüllt die Schenkel,
das gelbe Mal an der Leiste
mit dem Flaum.
Helles Gesirr, bedenk ich’s,
über der Haut wie von
Einenachtlibellen.
Es ist Gaze, gesponnen
aus steinernem weißesten Stein.
Aus vielfach gebrochenem Flügel.
Widrig breche ich
wieder den alten Stoff
mit Sprache: Worten,
die ich vor der Bourse, im Café,
im teerfarbnen Zimmer
hörte. Auflas in alten
Geschichtsbüchern. Das Gedicht
mag keine Verzierung. Es ist
auf Stilisierung aus: Plissé,
das die Stärke
der Wölbung verrät.
Ein Gedicht ist für niemanden.
Ich schicke es meinen Freunden,
die Freiheit, es zu verstehen
oder nicht zu verstehen.
Auf seinem Weg hat es
Splitter des Nichts gesammelt,
um blendend
dazustehen am Ende.

Joachim Sartorius

Aus: Keiner gefriert anders. Gedichte
Kiepenheuer & Witsch, Köln 1996


Bibliotheken sind eine Art von U-Bahnen

Die vertrauten Düfte der Bibliotheken,
genauso selbstverständlich wie die von U-Bahnen.

Geruch von heißem Metall und oxydiertem Urin.

Und die Bibliotheken sind U-Bahnen.
Oft weiß man, wo man wieder heraufkommt

zum unruhigen Leben der Oberfläche,

aber manchmal an der ganz falschen Stelle.

LARS GUSTAFSSON

Aus: Auszug aus Xanadu/Hanser


Doppelte Belichtung

Reuig der Schneesturm, lang war das Meer nicht in seiner Gewalt,
Der gestrige Nordwind hat sich verausgabt beim Brausen,
Unterm Eis blinken Fische, unsichtbar; schneller als Schall
Breitet die Stille sich in den Schneewehen aus.
Die Zeit, vom Gedächtnis nicht aufzuhalten, zerrinnt
Durch die Nadeln der Bäume. So verliert der gesprungene
Tonkrug das Wasser, so wird das Blau am Himmel verdünnt,
So wird der Glockenturmzeiger von einem Nebel bezwungen,
In dem Wange und Schnee sich nicht unterscheiden, eine Tanne
Von einem Menschen. So zieht die Hand, zum Flußdelta werdend,
Das Tauwetter an. So begnügt sich das Auge, februarblank, abgewandt
Vom leeren Himmel, mit der Leere auf Erden.

TOMAS VENCLOVA

Aus: Gespräch im Winter/Suhrkamp


American Typewriter

Woran ich mich aus dieser Ära erinnere
ist das Geräusch. Es konnte
klingen wie Wellen an einem Strand.
Einzelne und melancholische Anschläge
oder das muntere Geplapper -
es legt los, hier verdunkelt sich das Wasser
von einer plötzlichen Windbö.
Ich erinnere mich, wie am Metropolitan Desk
der New York Times zuweilen eine einsame Remington
in einer Kaskade von Anschlägen aufbrauste.
Es war eine Zeit,
als man noch hören konnte
wie die Menschen dachten.
Wie Gedanken unvorhersehbar kommen
und uns wieder verlassen.
Wie sehr selbstbewusste Gäste.

LARS GUSTAFSSON

Aus dem Schwedischen von Verena Reichel


Lob der Einzelheiten

Sonnige Abschnitte und Schneeschauer.
Basketballkörbe
an den Giebeln mehrerer Garagen.
Ein verwittertes Holzhaus,
dessen Tür aufgeht.
Eine schwarzhaarige Frau
betritt die Veranda
und ruft nach ihrer Katze.
Beiläufiges – unverbunden.
Rückblickend Inschrift genug
zur Kennzeichnung einer Stunde
unter tausend.

RAINER MALKOWSKI

Aus: Die Gedichte /Wallstein


außer der Liebe nichts

Flüchtig gelagert in dieses mein Gartengeviert,
wo mir der Abend noch nicht aus dem Auge will,
schön ist’s,
hier noch sagen zu können: schön,
wie sich der Himmel verzieht und die Liebe zu Kopf steigt,
all nach soviel Unsinn und Irrfahrt
an ein seßhaftes Herz zu schlagen, du spürst
einen Messerstich tief in der ledernen Brust
DIE FREUDE.
Wo nun dieser mein Witz das Land nicht verändert,
mein Mund auf der Stelle spricht,
- hebt sich die Hand und senkt sich für garnichts das Lid -
doch solang ich noch atmund-rauchund-besteh,
solang mich mein Kummer noch rührt
und mein Glück mich noch angeht,
will ich
was uns die Aura am Glimmen hält,
mit langer Zunge loben!
Unnütz in Anmut: Dich,
wo die Nacht schon ihr Tuch wirft
über dein ungebildetes Fleisch, es kehren
alle Dinge sich ihre endliche Seite zu,
und aus ergiebigem Dunkel rinnt
finstere Fröhlichkeit...
Ich aber nenne diesseits und jenseits der Stirn
außer der Liebe nichts,
was mich hält und mir beikommt.

Peter Rühmkorf

Aus: Gesammelte Gedichte /Rowohlt, Reinbek 1976


Geweihe

Das Spiel ist abgebrochen. Wie sollen wir
jetzt noch an Märchen glauben? Die Äste
splittern nachts nicht mehr, kein Wild,
das durch die Wälder zieht und das Gewitter
löst sich in Fliegenschwärmen auf. Gleichwohl,
es bleibt dabei: Das Jucken unter unsern Füßen
ist kein Tannenrest, kein Nesselblatt, wir folgen noch
dem Dreierschritt, den sieben Bergen und auch
dem Rehkitz Brüderchen und seiner Liebsten.
Erzähl mir die Geweihe an die Wand, erzähl mir
Nadeln in die Fliegen. Im rechten Moment
vergaßen wir zu stolpern.
Schneewittchen schläft.

NORA BOSSONG

aus: Reglose Jagd/zu Klampen! . Edition Postskriptum


Eine Spur im weißen Sand

Die wir nicht sind
die wir selbst sind.

Der über den Worten ist
der in den Worten ist.

Der neben dem Gedanken ist
der der Gedanke ist.

Wer legt die Spur
in den weißen Sand
eines Blattes?

Wer legt sie aus?

Cees Nooteboom

Aus: Licht überall/Suhrkamp

So warfst du dein Werk in die Zeit, ………
Worte, einmal begonnen als Nichts, als Gedanke…….
bis die eine, letzte Erlösung,
Abwesenheit geglückt.


Schneckenberg meiner Kindheit

Plötzlich geht’s aufwärts. Erinnerungen
Rodeln den Berg hinab..Wund
Liegt die Straße unterm Schnee.

Pflasterlos. Häuser rutschen vorbei, Kinder
Auf Glatteis. Zementwolken ersetzen
Zementwolken, Preßluft

Gehämmer bricht tief ins Gehäuse. Schnecken
Tempo kriecht in die Leute,
Münchhausen steigt, der Ballon

Schrumpft, der Film reißt, draußen
Schneit es Ballast.

Klaus Hensel

aus: Oktober, Lichtspiel/Fischer


Meine Zukunft

Ein launischer Augenblick
stahl mir meine Zukunft
die zufällig gezimmerte.
Viel schöner werde ich sie bauen
als anfangs gedacht.
Gründen werde ich sie auf festen Boden –
meinen Willen.
Errichten auf hohen Pfeilern –
meinem Ideal.
Anlegen mit einem Geheimgang –
meiner Seele.
Versehen mit einem hohen Turm –
meiner Einsamkeit.

Edith Södergran (1892 - 1923)

Aus: Klauenspur/Reclam Leipzig


Todtmoos

In Todtmoos
sah ich in weißer leuchtender Schneeluft
schneepflückende Wesen fliegen,
Ich griff in den Flockenfall
und fing nur Kälte.

Schneenarben an den Felsen,
Wegzeichen wohin? Schriftzeichen,
nicht zu entziffern

Peter Huchel

Aus: Gedichte/Bibliothek Suhrkamp


Hotels

Hotels sind auch jene orte, denen eine
gewisse erotik innewohnt, natürlich. Diese
bezahlten zimmer für stunden, in denen
die spuren einer gegenwart jedem morgen
mehr oder weniger sorgfältig getilgt
werden, das mobiliar und die wenigen
gegenstände, dinge, die nichts bewahren.
In diesem übertragenen sinn sind hotels,
je älter sie sind, die tempel dieses jahr-
hunderts; Hermes und Hestia, um
Aphrodite und Eros gruppiert.
Die verkörperung der begierde, Eros`sohn
Pothos, dagegen mit dem pathos dieser
zeilen zu verwechseln, verrät nur ein
weiteres abgleiten des gedichts in das
anekdotische.

Raoul Schrott

Aus: Hotels/Haymonverlag


Attention Difference Syndrome

Haut umarmt Haut, Sinne umarmen Sinne.
Er beschäftige sich mit Zellen, antwortet er auf die Frage,
ob Patienten oder Forschung seine Tage füllen.

Ich verpasse Chancen und Züge, verliere Stifte, auch Freunde.
Ich füge mich in das Syndrom des Tages.

Berühren erfordert eine andere Organisation des Gehirns
als, zum Beispiel, Schreiben. Das macht uns zu einzigartigen Menschen.
Eigenartig?

Tzveta Sofronieva

Aus: Landschaften, Ufer /Edition Lyrik Kabinett bei Hanser


Opposition

Ich reite dir entgegen.
Das Winterlaken schmilzt, das Vlies
Die Wiese wechselt ihre Farbe.

Hitze jagt die Blässe.
Fülle verschlingt die Tugend.

Du reifst mir entgegen.

Die Vertikale konvertiert
zum Horizont
Zur Lebenslinie einer Hand.

Richard Pietraß

Aus: Was mir zum Glück fehlt/Frankfurter Verlagsanstalt


È una fortuna - Es ist ein Gück

  È una fortuna passeggiare tra i castagni
mi dici un mattino di novembre
mentre i gambi riversi del granoturco
splendono sotto le finestre e le donne dei paesi
aprono la porta della bottega. È una fortuna
marinare la vita che non ci appartiene
per ascoltare lo scricchiolìo tutto nostro
delle foglie: le parole cadono felici
come le bacche rosse dal corniolo.
È una fortuna non sbagliare sentiero
verso il poggio da dove l’eremita
qualche secolo fa guardava la Lombardia

e dove noi ci abbracciamo tra le stoppie.
Es ist ein Glück, unter Kastanien zu gehen,
sagst du an einem Novembermorgen zu mir,
während die gebündelten Maishalme
unter den Fenstern leuchten und die Dorffrauen
die Tür zum Laden öffnen. Es ist ein Glück,
das Leben zu schwänzen, das uns nicht gehört,
um dem Rascheln der Blätter zu lauschen,
das nur uns gilt: Die Worte fallen glücklich
wie die roten Früchte vom Kornelkirschenstrauch.
Es ist ein Glück, nicht den Pfad zu verfehlen
hinauf zum Hügel, wo der Einsiedler
vor Jahrhunderten die Lombardei betrachtete

und wo wir uns im Stoppelfeld umarmen.
 
       
 

ALBERTO NESSI

 
 

© 1988 Giampiero Casagrande, Lugano
Aus: I giorni feriali - Ai margini
Lugano: Giampiero Casagrande, 1988

Aus dem Italienischen übertragen von Maja Pflug
© 1995 by Limmat Verlag, Zürich
Aus: Alberto Nessi: Mit zärtlichem Wahnsinn - Con tenera follia.

 

Nothing to report

  NICHTS zu berichten.
Das Einhorn ging fort
und ruht im Gedächtnis der Wälder,
in den Kammern des Mohns,
wenn die Äbtissin Sonne und Mond
den Toten gibt,
Der Herbst lichtet sich,
verliert sein Gedächtnis
in der Blutspur der Buche.
Was bleibt, ist nicht mehr
als der schwarze Draht in der Luft,
der zwei Stimmen vereinigt.
In der weißen Abtei des Winters
ein lautloser Flügelschlag.
Im Namen dessen –
bis ans Ende der Tage.

PETER HUCHEL
NOTHING to report.
The unicorn went away
and rests in the wood's memory,in the poppy's valvules
when the abbess gives sun and moon
to the dead.
Autumn makes a clearing,
loses its memory
in the beech-tree's blood track.
What remains is no more
than the black wire in the air
that connects two voices.
In winter's white abbey
a soundless wingbeat.
In his name who —
to the end of time.

PETER HUCHEL
 
       
 

© Mathias Bertram

 
 

Aus: Gesammelte Werke in zwei Bänden.
Die Gedichte/Suhrkamp Verlag, 1984

aus: The Garden of Theophrastus. Selected Poems.
Translated by Michael Hamburger

 

Der Wind stöbert in Büchern

Spätsommer, Jahreszeit
die meinem Alter entspricht.
Und die langsamen,
man könnte fast sagen
die geduldigen Wellen
begeben sich zögernd nur
in die kleinen dunklen Höhlen
und verbergen sich
unter den Steinen des Strandes.
Es ist am besten
das Boot nur dann auszuschöpfen,
wenn es wirklich notwendig ist.
Eine einfache Weisheit.

Nicht unähnlich der,
die Zukunft,
den unfertigen Text,
nur zu lesen,
wenn es wirklich notwendig ist.

LARS GUSTAFSSON

Aus: Das Feuer und die Töchter / Hanser


Sonett

Wir leben wieder draußen an der Bucht
und Wolken fliegen über uns am Himmel,
es poltert ein ganz heutiger Vesuv
und schüttet Staub herab in diese Gassen,
dass Fensterscheiben klirren in den Häusern.
Auch uns wird diese Asche einst verschütten.

Wie gern würd ich in dieser schwarzen Stunde
mit einer Straßenbahn zum Stadtrand fahren
und in dein Haus eintreten,
wenn dann in Hunderten von Jahren
Ausgräber unser Viertel offenlegen
möchte ich gern dass sie mich wiederfinden
als Teil von Dir für immer, fest umarmt
verschüttet von der neuen Asche.

JOSEPH BRODSKY

Aus: Brief in die Oase/Carl Hanser Verlag
übersetzt aus dem Russischem von Ralph Dutli


Leise Herbsttage

Die silberne Allee der Weiden
Dreht sich schon tagelang im Wind nach Ost.
Die Blumen rollen ihre Seiden,
Im Sonnenscheine zittert fern ein Frost.

Die Seele fährt auf leisen Achsen,
Und alles, was ein großes Glück heißt, stört,
Denn unsichtbare Wurzeln wachsen
Zu größerem Glücke, heiß und unerhört,

Und über allem, was man vornimmt,
Liegt ein Verschweigen wartender Geduld,
Und hinter alles, was ins Ohr klingt,
Lauscht Du auf eine unverhoffte Huld.

OSKAR LOERKE (1884 – 1941)

Aus: Die Gedichte/suhrkamp taschenbuch 1049


Wissen

Nichts wird
niemals
erklärt
nichts wettgemacht
nichts belohnt

nichts niemals

die zeit heilt nichts
niemals vernarben die wunden
kein wort
ersetzt das wort

kein gras wächst über die gräber
verstorbene werden sterben
auferstehen nimmer

die welt nimmt nie ein ende

die lyrik schleppt sich
weiter
in richtung Arkadien
oder entgegengesetzt

1968 Tadeusz Rózewicz

Aus: Letztendlich ist die verständliche Lyrik unverständlich
Edition Akzente Hanser


gespräch der blumen

endlich brachen sie auf
im gelächter
und ergossen sich
zwei karbunkel
offene geschwüre
vom bild
Francis Bacons

1981 Tadeusz Rózewicz

Aus: Letztendlich ist die verständliche Lyrik unverständlich
Edition Akzente Hanser


ANGEBUNDEN: WEDER STRAUSS.AUS

Ein Glückwunsch gar

weder pack ich den wind
bei den hörnern wie der strauch
lebst stracks wo der rost

muss belegt ein mond schon
wird konjungiert zum weder
mund wirklich licht war der nun

unversehrt gekerbt zum
kehr aus gewildert weder
fest umwickle bind um und

mag das ein Glückwunsch sein es mag einer sein zum Glück

Elisabeth Wandeler-Deck

aus: ANFÄNGE, ANFANGEN, gefolgt von UND
(Passagen Verlag)


Eine vermisste Person - A Missing Person

  In the darkened room
a woman
cannot find her reflection in the mirror

waiting as ususal
at the edge of sleep

In her hands she holds
the oil lamp
whose drunken yellows flames
know where her lonely body hides.
Im verdunkelten Zimmer,
eine Frau,
die ihr Spiegelbild nicht finden kann,

wartet wie gewöhnlich
am Rande des Schlafs.

In der Hand hält sie
die Öllampe,
deren trunken gelbe Flammen
wissen, wo ihr einsamer Körper sich verbirgt.
 
       
 

Jayanta Mahapatra

 
 

Aus: A Rain of Rites
Athens: The University of Georgia Press 1976

Aus dem Englischen von Olaf Schenk

 

Klage zur rechten Zeit - lamento al momento giusto


  schon gibt es die nebel
der september ist der november
(respektiert man die zahlen)

vage die schottischen seen
seh ich zwischen den seiten
und es reut mich nicht

jenseits
des deutschen
fische ich
ein gefühl
ci sono gia le nebbie
il settembre è il novembre
(rispettando i numeri)

vaghi i laghi di Scozia
tra le pagine vedo
e non me ne pento

al di là
del tedesco
pesco
un sentimento
 

GERHARD KOFLER

aus: Jahrbuch der Lyrik 2000 /C.H.Beck


Sonnenuntergang am Comer See

Kürbisse liegen am Hang: faule Sonnen
Verkabelt mit dem Kompost.
In ihren Bäuchen gähnt ein warmes Herz
Und sie flüstern sich zu: O nonna mio!

Über den Bergen verdampft der Abend
Das ist ihre Zeit, da kriegen sie ihren Koller:
Hangab
Holterdipolder und
Klatsch in den See

KERSTIN HENSEL

Aus: Das gefallene Fest/poetenladen
Reihe Neue Lyrik – Band 4


Schläfrigkeit - Sonnolenza

Auf dem Weg nach Devetachi nach San Michele, am 25. August 1916
Da Devetachi al San Michele il 25 agosto 1916

  Die Bergrücken hier
Haben sich schlafen gelegt
Im Dunkel der Täler

Da ist nichts mehr
außer dem Gurgeln der Grillen
Das mich einholt

das meine Unruhe begleitet.
Questi dossi di monti
si sono coricati
nel buio delle valli

Non c’è più niente
che un gorgoglio
di grilli che mi raggiunge

E s’accompagna
alla mia inquietudine
 

GIUSEPPE UNGARETTI

aus: Ich suche ein unschuldiges Land/Piper
Übertragung von Michael von Bieberstein


Bilder einer Reise

BILDER EINER REISE
auch die in Gefahr
im Gewaltakt
zu verschwinden

in Flughäfen
Ansammlungen von Nomaden
inmitten dein Bild
das mich

ein Leben lang verfolgen soll

MANFRED PETER HEIN

aus: NACHTKREIS Gedichte 2005 – 2007/WALLSTEIN


Vision

  Today there have been lovely things
I never saw before;
Sunlight through a jar of marmalade;
A blue gate;
A rainbow
In soapsuds on dishwater;
Candlelight on butter;
The crinkled smile of a little girl
Who had new shoes with tassels;
A chickadee on a thorn-apple;
Empurpled mud under a willow,
Where white geese slept;
White ruffled curtains sifting moonlight
On the scrubbed kitchen floor;
The under side of a white-oak leaf;
Ruts in the road at sunset;
An egg yolk in a blue bowl.

My love kissed my eyes last night.
Heute hat es viele schöne Dinge gegeben,
Die ich niemals sah zuvor;
Sonnenlicht durch ein Glas Marmelade;
Ein blaues Tor;
Einen Regenbogen
Im Seifenschaum auf Abwaschwasser;
Kerzenlicht auf Butter;
Verschmitztes Lächeln eines kleinen Mädchens,
Das neue Schuhe hatte mit Bommeln;
Ein Goldhähnchen auf Vogelbeeren;
Schlamm rotschillernd unter der Weide,
Wo weiße Gänse schliefen;
Weiße Vorhänge gerafft, die Mondlicht siebten
Auf den geschrubbten Küchenboden;
Die Unterseite eines Silbereichenblattes;
Straßenspuren bei Sonnenuntergang;
Ein Eigelb in blauer Schale.

Mein Liebster küsste meine Augen letzte Nacht.
 
       
 

MAY THEILGAARD WATTS (1893 – 1975)

 
 

aus: 82 Lyrik-Taschenbuch Rimbaud
Übertragen und ausgewählt von Gerhard Weidmann


Übertragen und ausgewählt von Gerhard Weidmann

 

Alles hinterläßt Spuren


 

Chor links:





»Alles hinterläßt Spuren.
Wenn du morgen hier einen Spaziergang machst,
kannst du ahnen aus den grünen Linien, die sich
unsicher abzeichnen, ahnen, daß hier wohl eine
Feier stattfand, wo man deine Abwesenheit
sicherlich nicht reimlos zur Kenntnis nehmen
wollte.«

 
 

Chor rechts:

»Der Fluß und sein Ufer. Der bucklige Rücken
eines Fisches blitzt auf.
Licht, Licht, Schäume aus Licht! «

 

© Orsolya Kalász

Aus dem Ungarischen übertragen von Orsolya Kalász
Aus: Babymonster und die Gärtner
Poetische Boegen, Leipzig, Berlin, Frankfurt am Main 1997


Leichtigkeit

Es war deine Leichtigkeit die mich anzog
die Leichtigkeit deines Redens, dein Lachen
die Leichtigkeit deines Gesichtes in meinen Händen
deine Leichtigkeit, ungekannt, behende, scheu;
und es ist die Leichtigkeit deiner Küsse
die meine Lippen verdorren läßt,
die Leichtigkeit deiner Umarmung
die mich an die Strömung verliert.

Meg Bateman

Übersetzt von Corinna Krause
Aus: Intime Weiten/XXV schottische Gedichte/folioverlag

In short, this is where you get off, reader;
I´ll continue alone……….


Zuhause - Casa mia

  Überrascht
nach so langer Zeit
durch eine Liebe

Ich glaubte sie
verstreut in alle Welt
Sorpresa
dopo tanto
d’un amore

Credevo di averlo sparpagliato
per il mondo
 
       
 

Giuseppe Ungaretti

Giuseppe Ungaretti

 
 

aus dem ital. von Michael Marschall von Bieberstein

aus: Ich suche ein unschuldiges Land/Piper

 

berührte orte

die fotografische
stille die wächst
bevor etwas
sich löst auch
daran
erinnert er
sich es war
doch
die metaphysische
wetterecke
der welt
alles sah
wie gezeichnet
aus

Reiner Kunze

ulrike draesner
aus: berührte orte/Gedichte Luchterland


In Salzburg, auf dem Mönchsberg stehend

Nach ankunft im Westen Europas


Wiederzukehren
hierher, können von nun an mich hindern
armut nur, krankheit
und tod

Im Kupferlaub der dächer geht der blick
den abend ab
Heimat haben und welt,
und nie mehr der lüge
den ring küssen müssen

Reiner Kunze

Aus: eines jeden einziges leben
© S. Fischer Verlag 1986


Zukunft für M.K.

Als die Zukunft
noch die Zukunft

der Vergangenheit war,
wurde sie sehnlichst erwartet.

Doch so ist sie geartet:
Wenn sie Gegenwart ist,

wird sofort vermisst,
sie sei besser als alles,

was früher geschah.
Es wäre also wunderbar,

wir könnten in Zukunft
die Zukunft vermeiden

und gleich bei uns,
dem Leben selber bleiben.

Kurt Drawert

(aus F.A.Z. 31.12.2013)


Die Reise

DIE REISE in den Austausch
ineinanderverhakter Kreise führt
immer ins Abschiedsspiel.

Entlassen aus dem erzwungenen Gleichgewicht,
bewege ich mich auf den Ort des Endgültigen zu,
der sich Nacht und Tag nicht ändert.

Es gibt keine Drehtüren,
die Zeit hat keine Risse,
sondern dehnt sich übers
Sehen hinweg in meine Gegenwart.
Was übergänglich ist vom Sichtbaren
am Ende der Entzweiungen, sind
einzig Zeichen, wie etwa:
Zweigtriebe, die wie ich
auseinanderwachsen und schon
an den Himmelsbogen rühren.

GUSTAV JANUS

Aus dem Slowenischen von Peter Handke
Aus: Der Kreis ist jetzt mein Fenster/Residenz Verlag


Die Feder der Zeit

Tagsüber
ritzt er Gedichte
in den Sand am Strand.
Nachts
unterm Schicksalsstern
bläst der Wind,
steigt die Flut,
werden die Lettern Meeresgrund,
Dunkelheit am Meeresgrund.

Zwischen Ebbe und Flut
schreiben wir unsere Gedichte
allein mit der Feder der Zeit.

FUAD RIFKA

Aus dem Arabischen von Ursula und Simon Yussuf Assaf
Aus: Das Tal der Rituale / Straelener Manuskripte


superlativ

Du sagst es wär besser ich schau dir nicht
mehr in die augen ja es ist besser ich
seh dich mit händen & wir verstehn
uns blind & ich dass es besser wär ich
hör nichts mehr von dir klar auf dem ohr
bin ich taub wenn du sagst es ist besser
so seh ich das ein ich will ja auch nur
das beste

Albert Ostermaier

aus: Für den Anfang der Nacht/Suhrkamp


mona lisa junkie

"Elende Sterbliche, öffnet die Augen."
Leonardo

wenn der letzte schuss farbe
dies leinen löscht auf dem du
deine bunte erde brennst
werd ich dir ganz gehören mit
haut & pinselhaar das du
aus meinen starren wimpern
pflückst wie wünsche von den
augen hier diesen knöchel den
liebsten meiner hand leih ich
als stift dir dann für deinen
leichten strich mit dem du meine
lippen noch mal schwingst zu einem
lächeln gut getroffen im goldenen
schnitt

Albert Ostermaier

Aus: Herz Vers Sagen/edition suhrkamp


ZEIT - gehärteter Firn

Zeit – gehärteter Firn,
Schmerz, im Innern, verdruckst,
als talentlose Herde, so schimmert Perlmutt.
Stärkeversetztes Gehirn,
Verzweiflung am laufenden Band,
eine Frage als Mantra nur: „Wo ist mein Land?“

© Iryna Khadarenka

Aus: Свядомаграфія
Aus dem Belarussischen von Thomas Weiler


Schönheit

Schönheit

das Leben wird sich in ihr nicht erfüllen
weder jetzt
noch an irgendeinem gedachten Ende

so leicht und zärtlich
wie Artemis den Zentaur zähmte
ist keine der Leidenschaften
für uns zu haben.

Norbert Scheuer

Aus: Bis ich dies alles liebte / C.H. Beck


Frühjahrskälber

schleimige Nasen
Atem der nach Gras riecht
warm ist
Hufe die bei jeder Bewegung abrutschen
Spaltböden glitschig vom Mist
der durch die Ritzen fällt
fortgespült hinter den Kuhstall
wo die Wiese ins Tal abfällt
knorrige Apfelbäume
versunken im Morgennebel

Norbert Scheuer

Aus: Bis ich dies alles liebte / C.H. Beck


Etwas fehlt immer

das Dorf in dem wir wohnen
liegt auf einem Hügel
es gibt hohes Gras
Ginster der im Frühsommer blüht
meine Eltern wohnten hier
auch die Eltern meiner Eltern
ich dachte immer
dass es woanders mehr gibt
wenn ich zu den Sternen sah
wusste ich nie
ob ich fortgehen oder bleiben sollt
es dauerte
bis ich dies alles liebte

NORBERT SCHEUER

Aus: alles ist! alles ist! alles ist nur was es ist
Herausgegeben von der Kunststiftung NRW


Ein jeder

Ein jeder erfüllt das Schicksal, das ihm beschieden,
Und wünscht sich das Schicksal, das er sich wünscht;
Er erfüllt weder, was er sich wünscht,
Noch wünscht er sich, was er erfüllt.

Wie Steine um Blumenbeete
Legt uns das Fatum ab, und wir bleiben dort;
Wies doch der Zufall uns den Platz,
Der uns bestimmt ist.

Laßt uns nicht mehr wissen
Von dem, was uns zuteil ist, als daß es zuteil wird.
Erfüllen wir, was wir sind.
Mehr ist uns nicht gegeben. ******

Fernando Pessoa

aus: Ricardo Reis Poesia - Poesie/Fischerverlag
Übersetzt aus dem Portugiesischen von Inés Koebel


Es wandern die Schatten

Hirschkäfer kämpfen im Moos.
Singen die Mücken so tief
von deinem Blut?
Noch birgt der Stein die Glut
des Mittags. Im Blütenschoß
saugen noch Immen.

In der Röte des Abends verschwimmen
die Wolken. Es wandern
die Schatten. Schief
breitet ein Kreuz der Schatten
des Wegweisers über uns hin.
Was wir gelitten hatten,
einer an andern,
war´s ohne Sinn?

Im Wasser des Bachs meine Hand
wird kühler, wird kalt.
Die Welle, ich halte sie nicht.
In ihr zerrinnt mein Gesicht,
so fremd und uralt.
Hast Du mich jemals gekannt?

WOLFGANG BÄCHLER

Aus: Ich ging deiner Lichtspur nach /Fischer Bibliothek 1988


Anif

Schön, die Hasen, wenn sie,
die Löffel in die Luft gereckt,
kurz und fragend innehalten.

Schön im Waldmeisterduft
zu gehen, durch Nieselregen
nach Anif. Die Erinnerungen,

der grüne Fluss. Kinderzeit
blüht mir auf dem Felderweg
mit den versonnenen Hasen,

Schaulust, aber eine ruhige.
Zeichen, Geraschel, Sterne.
Still, dass nichts erschrickt.

Mirko Bonné

Aus: Traklpark/Schöffling & Co


Mond

So einfache Sachen wie Kühe melken,
Begonien begießen, damit sie nicht welken,
Kopfsprung ins Wasser, Rasen mähen,
beim Pistonblasen die Backen aufblähen,

beim Überqueren der Straße auf Autos achten

und nachts den Mond wie Klopstock ihn sah
und nachts den Mond wie Goethe ihn sah
und nachts den Mond wie Claudius ihn sah
und nachts den Mond wie Hebel ihn sah,
betrachten.

Rainer Brambach

Aus: Gesammelte Gedichte/Diogenes

  Im Schatten des Eukalyptus nehmen unsere Wörter
eine blaue Tönung an, als ob ein ganz sanfter Zephir
sie aus einem Bild von Botticelli löse.
Frühling ist, wenn die Erde die Sonne
umrundet hat, wenn der Kalender das Herz
umrundet hat, wenn das Spektrum der Farben sich einmal
vollständig im Roulette gedreht hat und wir wieder
in das Lichtfeld rollen.
A l’ombra de l’eucaliptus, les paraules
se’ns tornen blaves, com si un zèfir molt suau
les desprengués d’un quadre de Botticelli.
Primavera és quan la terra ha fet la volta
al sol, quan el calendari ha fet la volta
al cor, quan l’espectre dels colors ha fet
el gir complet de la ruleta i caiem
novament en la casella de la llum.
 
       
   

© Gemma Gorga

 
 

Aus dem Katalanischen von Axel Sanjosé

Aus: Instruments òptics
Erschienen: 2005, Brosqu

 

zur Winterschmelze meine Unterschrift.
Unser prächtiges Elend:
Vier Schneegestöber vier Wände und
die herrenlose Klaviatur, der deine
Fingerspitzen bis in den Tod sich ergeben,
daß mit dir den Saumpfad der Töne
ich geh gipfelan, wo der Atem knapp
und flüchtig der Raum unseres Lebens.
Mit Tintengrün des Frühlings
unterschreib ich unsre Begegnung. Reiß du diesen Streifen
von deinem Schicksal dir ab.

©Amanda Aizpuriete

Aus: Vēstuļu vējš
Erschienen: 2004, Atēna
Aus dem Lettischen von Manfred Peter Hein

Das Gedicht
wartet lange
auf seine Stunde, eine glückliche
oder unglückliche. Wartet
einen Tag, ein Jahr,
ein Leben lang, ehe
es selber zu leben beginnt.
Wiedererstandener Phönix
aus der abgründigen Schwärze
fliegt oder flüchtet
durch Mauern und Wände, vorbei
an Bajonetten und grellen Fassaden.
Immer aufs Neue verjagt und
vermißt, verachtet aufs Neue
willkommen geheißen:
das Gedicht.

Günter Kunert

aus: Fortgesetztes Vermächtnis/Carl Hanser Verlag


I.

Wieder die frisch vorbereiteten Nudeln, geknetet,

dünn ausgerollt, ein Wunder aus Mehl und Salz.

In der Trockenheit sehen sie bald geröstet aus.

Zergehen später auf der Zunge, mit Tomaten und Bärlauch,

in Erinnerung an ein altes, italienisches Rezept

während einer Grippe im Mai.

Ist es das, was die Familie um den Tisch versammelt?

Vielleicht auch der Sonntag, das Wetter, irgendwelche Träume.

 

II.
Beim Einschlafen schreibe ich die wichtigsten Briefe,

morgens werden sie mit den Kopfkissenbezügen gewaschen,

gelangen durch das Grundwasser in den Himmel und regnen

genau an den Orten aus, für die sie gedacht waren.

Ist es das, was Freunde verbindet? 

TZVETA SOFRONIEVA

Aus: Landschaften, Ufer/Edition Lyrik Kabinett bei Hanser

Ich rufe und ich höre meine Stimme.
Sie nimmt sowohl das Flußrauschen auf als
auch das raunende Echo der Versammlung
und die Stille des fernen Waldes.
Und solange meine Stimme ertönt und,
überall angenommen und überall begünstigt,
den Mut und die Kraft hat zu ertönen, ist sie
diesem Land nicht fremd und nicht eigen,
sondern das von mir gegründete LAND selbst.


Ales Rasanaü
Aus:. Tanz mit den Schlangen /Agora Verlag Berlin 2002
Aus dem Weißrussischen übertragen von Elke Erb und Uladsimir Tschapeha.




Apathisches Grau, mit
respektvoller Entfernung
der Gegenstände voneinander.
Die Lüge vom weißen Winter –
grau und einsam in Auge,
das Land im blinden Blick umher,
zurückgelassen mit
Häusern und sich bewegenden
Leuten. Die Luftlinie
ist unbestechlich.
Unter ihr fällt schweigend
Schnee.

KARL KROLOW
Aus: Schneegedichte/Hrsg. Ron Winkler/Schöffling & Co.











ein Tag wie Dezember

dieser Tag hat glazialen Charakter.

wie könnte es anders sein: ihm liegt Winter zugrunde.

das Couvert der Wolken ist noch nicht geöffnet.

obwohl mich diese Sendung sehr angeht, par Avion.

der Himmel gehört einer Graubranche an.

es herrscht ein neuer Ton irgendwie: diätetisches Licht.

wenigstens wahrt die Sonne den Anschein.

die Pappeln am Horizont Irokesengestrüppe.

Alleen führen noch immer ins Labiale.

auch sie sind von Schneefall punktiert.

was bisher fiel, lässt einen Reifrock vermuten.

die Landschaft so landschaftlich wie lange nicht mehr.

wovon ich auch noch weiß:

einige Tümpel verleihen sich Wäldern als glasige Orden.

aber die Wärmeflocken der Vögel täuschen

darüber hinweg.

© Ron Winkler
Aus: Schneegedichte/Schöffling & Co


DENKEN

Eine Wolkenkette kleine
Pakete vom Fließband

Lange aneinander.

© SARAH KIRSCH
aus: Schwanenliebe/DVA

In meinem alten Kinderzimmer lange ich nach Schachteln
und der Staub ungestörter Jahre mischt sich
in das Licht des Nachmittags. Als Kinder malten wir

unsere Namen auf so pulverige Böden. Ich krame
in Belegzetteln aus der Oberstufe, vergessenen
Büchereibüchern, in Briefen, heute verschlissen und blass.

Meine Hand hält auf einem Umschlag inne, zugeklebt, nicht abgeschickt.
Vorne drauf der Name unserer Nachbarn,
und hinten, oben der Name meiner Familie, ich gleite
mit einem Finger unter die Lasche und reiße die Jahre auf.
Innen, finde ich auf einer zwanzig Jahre alten Weihnachtskarte,
einen Gruß an den Schneider von nebenan, der inzwischen verstorben ist,
in der Handschrift meines Vaters, der inzwischen verstorben ist.

Wie kurz und unwiederbringlich ist unser Handeln
das Schreiben und das Vergessen,
und die Leben, die sich daraus entfalten.
Beim Öffnen eines Briefs, der nicht an mich gerichtet ist
frage ich mich, ob ich ein Geschenk entwende
oder ein kleines, notwendiges Ritual vollführe

In dem staubigen Raum sage ich laut ihre Namen
und tue die Karte zurück zu den anderen alten Papieren.


In my old bedroom I reach for boxes
and the dust of undisturbed years rises
in the afternoon light. As children we drew

our names on such powdery floors. I flick
through high school report cards, forgotten
library books, letters now tearing and flaking.

My hand pauses on an envelope, sealed but unsent.
On the front, the name of our neighbours,
on the back, above the name of my family, I slide
a finger under the flap and tear open the years.
Inside, I find, on a Christmas card two decades old,
a greeting to the tailor next door, who has since died,
in the writing of my father, who has since died.

How brief and irretrievable our actions,
the writing and the forgetting,
and the lives that unfolded from them.
Opening a letter not addressed to me,
I wonder if I am stealing a gift,
or completing a small, necessary ritual.

In the dusty room I say their names out loud
and place the card again among the old papers.

© Gabeba Baderoon
Aus: The Museum of Ordinary Life DaimlerChrysler , Stuttgart 2005
Übersetzt von Monika Rinck

 

Zerrüttete Gehöfte
aus Vögeln, Vorwinterluft,
und alle Fenster sind beschlagen
mit heulendem Wasserblech.
Nur die Feldwege wechseln
Brauntöne und fassen das Laub.
Wolken, die zu Wolkendecken werden,
machen deutlich, was es heißt,
Augen zu haben.
Einige schlafen, andere
machen die Betten, löschen
unschlüssig E-Mails oder spielen
Schlagzeug gegen die Stille.
Zwischen heute und morgen
ist keine Grenze. November, ein Name.
Geh übers Gras. Im Nebel die elf Pappeln,
Wegmarken. Meinetwegen als letzter
sei unterwegs zu wem immer.

Mirko Bonné
© Schöffling & Co /Aus: Traklpark, erschienen 2012


Einmal als ich nachmittags unter hohen Bäumen auf
einem Polster aus fahlgelber Erde umherschlenderte,
die luftig war wie durchgesiebtes Mehl, verfiel ich darauf,
den Himmel zu mustern. Dünne, ungreifbare weiße
Wolken durchzogen ihn und ich verweilte darin, in ihnen
und mit ihnen die Konturen deines Gesichtes zu weben.

Una tarde, paseando por debajo de grandes àrbo-
les, sobre un colchón de tierra amarillenta, tan
muelle como hrina cernida, di en mirar el cielo.
Lo atravesaban delgadas, inmateriales nubes blan-
cas y me entretuve en tejer, con ellas y en ellas, las
líneas de tu cara.

ALFONSINA STORNI
Aus: POEMAS DE AMOR/ Limmat Verlag Zürich
Übersetzt von Reinhard Streit


Die verdorrte Luftschlange einer längst dahingegangenen Zitrone,
ein Tisch mit Splittern und Astaugen.
Ein kleines hungriges Insekt in einer Ritze.

    Aber niemand schaut.

Und da sind noch die Vögel, meinetwegen Spatzen –
der Schnabel, die Federn, die Achselhöhlen.
Kratzen sich mit dem Schnabel unter den Achseln, als rasierten sie sie.

    Aber ihre Achselhöhlen sieht ja erst recht keiner.

Niemand sieht die Träume der gefiederten Sänger,
vom geträumten Fest den Rest kann der Morgen haben.
Die kahlen Vögel in Käfigen, freilich, sie fliegen,

    aber niemand sieht den Flug.

Die Zitronenschale im Schimmel – wie Labradorstein,
wer ließ sie dort auf dem Sommertisch liegen,
kommt zurück zu ihr, findet Labrador vor?

Der Saft der herbstlichen Bäume – die karger werdende Gabe
der vielen Kenntnisse – wem?


Olga Martynova
In: Von Tschwirik und Tschwirka, Literaturverlag Droschl Graz – Wien 2012.
Aus dem Russischen von Elke Erb und Olga Martynova



Eines Tages wird die Zukunft kommen
Sterne an den Fingern
Honig auf den Lippen
Hoffnungen an den Füßen
Sie wird auf der Woge der Phantasie schweben
die Gassen heruntergleite ohne Angst
dass ihre Gefühle zertreten werden

 

Sie wird ohne falsche Papiere
überallhin sich frei bewegen
das einfache Lächeln der Menschen tragen
ihren einzigen Ausweis

 Eines Tages wird die Zukunft
alle Wahrheiten verwirklichen
Die sie von jeher erträumt.

Miriam AlvesAus dem brasilianischen
 Portugiesisch von Johannes
 AugelLITERATURMAGAZIN ROWOHLT 38


Als ich mehr wusste und weniger
Sprache hatte als ein Zeisig im Herbst

(bis gestern scheints aber lang ists her
denn mit den Wörtern kommt Vergessen)

waren die Donner platzende Wolkensäcke
und das Grollen der Atem beim Aufblasen der Wolken

Gern würd ich wieder wissen dürfen
dass die Welt eine offene Hand

und was man glauben muss an Fingern abzuzählen ist
es gut sei überall außer wenn die Hand sich schließt

FAUST
von Christoph Wilhelm Aigner


(Wenn du bist)

Wenn du weg bist
bist du ein Bild

ein Negativ das lange Zeit braucht
entwickelt zu werden
die Erinnerung an einen ausgiebigen Sommertag
an deinen Fuß der lebendig
über mein Leben trat

ich finde deinen Spiegel im Gras
der dein Bild aufnahm
und es festgehalten hat, vor langer Zeit
der Spiegel ist dunkel, stockfleckig
und will dein Gesicht
nicht loslassen

wenn du weg bist
bist du weg

PAAL-HELGE HAUGEN

Das überwinterte Licht/Kleinheinrich
Aus dem Norwegischen von Siegfried Weibel



Unsere Bühne, Raum bietend
Den großen Widersprüchen
Wird wieder eröffnet.
Der Planwagen der Händlerin
Und der Eisenwagen der Genossen
Stoßen aufeinander. Was für alte
Fahrzeuge, die nicht wenden können! Ihre sichtbare
Schwierigkeit macht uns Mut
Zu einer andern Bewegung. Eröffnen wir
Auch das Gespräch
Über die Wende im Land.


VOLKER BRAUN
Auszug aus dem Prolog zur Eröffnung der 40. Spielzeit des Berliner Ensembles am 11. Oktober 1989
aus: Lustgarten.Preußen/Suhrkamp
 

Geweihe

Das Spiel ist abgebrochen. Wie sollen wir
jetzt noch an Märchen glauben? Die Äste
splittern nachts nicht mehr, kein Wild,
das durch die Wälder zieht und das Gewitter
löst sich in Fliegenschwärmen auf. Gleichwohl,
es bleibt dabei: Das Jucken unter unsern Füßen
ist kein Tannenrest, kein Nesselblatt, wir folgen noch
dem Dreierschritt, den sieben Bergen und auch
dem Rehkitz Brüderchen und seiner Liebsten.
Erzähl mir die Geweihe an die Wand, erzähl mir
Nadeln in die Fliegen. Im rechten Moment
vergaßen wir zu stolpern.
Schneewittchen schläft.

Nora Bossong

aus: Reglose Jagd/Klampen

 
Ich ginge gern
im geringen Mantel
der Worte.

Doch darunter berge sich
die warme, lichte Welt.

Was ist Reichtum?
Was ist Luxus?
Für mich eins:
Einen geringen Mantel trag ich
und dieser Mantel gleicht
keinem.

Srecko KOSOVEL (geb. 18.03.1904 in Triest, gest. 27.05.1926)
aus: Mein Gedicht ist mein Gesicht/Edition Thanhäuser

Von wo aus könnte ich euch schreiben ? Von einer Aussichtsterrasse oder einem
Hotelzimmer aus, von hier oder dort, immer wird das aus meinen fernsten
Träumen sein: Es ist ein Teufel als Engel oder Spottdrossel, der in unsern Köpfen
singt und lacht.
 
"IN DEINEM Gesicht sind
kenntlich Zeichen des Wachsens."

Der Körper, Ausriß aus Lehm,
geformt mit dem Wort,
unterworfen den Gesetzen der Berührungen,
müht sich im aufrechten Schritt
hin durch die Taglast.
Hält Spuren
für den Abdruck von Ewigkeit,
für unzerstörbar und gültig.

"Der Mensch kehrt wieder zurück aus dir."

Reden wird Maß,
dein Gesicht Widerstand gegen den Tod.
Aber nicht aus der Zeit,
sondern zeitweise eingespannt
zwischen bröckelndem Stein
und nachfolgendem Tag.

Das Geheimnis hat in solchem Fall
Verantwortung hin bis zur Grenze des Nächsten.

© Gustav Januš
Aus: Sredi stavka / Mitten im Satz
Residenz Verlag, Salzburg & Wien 1991
Übertragung ins Deutsche von Peter Handke

»V TVOJEM obrazu so
spoznavni znaki rasti.«

Telo, izrezano iz ilovice,
oblikovano z besedo,
podvrženo zakonom dotikov,
se muči v pokončni hoji
skozi dnevno težo.
Ima sledove
kot odtis večnosti,
za nerazrušljive in veljavne.

»Človek se vrača iz tebe nazaj.«

Govorjenje postane mera,
tvoj obraz odpor proti smrti.
A ne brezčasen,
temveč časovno vprežen
med krušljivo kamenje
in med naslednji dan.

Skrivnost je v tem primeru
odgovorna tja do bližnjega meje.

 

Begrensning - Begrenzung 

Da war eine Demo
zog vorbei hier
wo ich wohne ich hörte Stimmen
durchs Megaphon und in einer anderen Sprache
hörte jemanden wütend einschlagen
auf etwas aus Metall jemanden den ich vielleicht kannte sie
gingen aber ich schaute erst hinaus
als sie vorbei waren der Zug war nicht so lang
es waren nicht so viele kann darum
nicht mehr darüber schreiben
diesmal

Øyvind Rimbereid

© Gyldendal Nors Forlag AS 2000
Aus: Seine topografiar : dikt
Übersetzt von Hinrich Schmidt-Henkel

Protesttoget fantes
dro forbi her
jeg bor jeg hørte stemmer
gjennom megafonen og på et annet språk
hørte jeg noen slå hissig på noe
av metall noen jeg kanskje kjente de
gikk men jeg så ikke ut
før de var forbi toget var ikke så langt
de var ikke så mange kan derfor
ikke skrive mer om dette
denne gang

 
„Wenn Künstler eingeladen werden,
teilzunehmen an den feierlichen Zeremonien des Staates,
sollte das ihre Anerkennung finden“.
ROBERT FROST „Widmungen“
The Gift Outright
 
The land was ours before we were the land`s,
She was our land more than a hundred years.
Before we were her people, she was ours
In Massachusetts, in Virginia,
But we were England`s still colonials,
Possessing what we still were unpossessed by,
Possessed by what we now no more possessed.
Something we were withholding left us weak
until we found out that is was ourselves
 
Völlige Hingabe
 
Das Land war unser, ehe wir ihm gehörten,
Es war unser Land mehr als hundert Jahre.
Ehe wir sein Volk wurden, gehörte es uns
In Massachuettes, in Virginia.
Noch aber waren wir Bürger Englands,
Besaßen, was uns noch nicht erfüllte,
Beherrscht von dem, was wir nicht mehr besaßen,
Etwas, in uns zurückgehalten, schwächte uns,
Bis wir merkten, dass wir selbst es waren
 
ROBERT FROST
(F.A.Z. 20.01.2009)
 
„Wenn Künstler eingeladen werden,
teilzunehmen an den feierlichen Zeremonien des Staates,
sollte das ihre Anerkennung finden“.
ROBERT FROST „Widmungen“
The Gift Outright
 
The land was ours before we were the land`s,
She was our land more than a hundred years.
Before we were her people, she was ours
In Massachusetts, in Virginia,
But we were England`s still colonials,
Possessing what we still were unpossessed by,
Possessed by what we now no more possessed.
Something we were withholding left us weak
until we found out that is was ourselves
 
Völlige Hingabe
 
Das Land war unser, ehe wir ihm gehörten,
Es war unser Land mehr als hundert Jahre.
Ehe wir sein Volk wurden, gehörte es uns
In Massachuettes, in Virginia.
Noch aber waren wir Bürger Englands,
Besaßen, was uns noch nicht erfüllte,
Beherrscht von dem, was wir nicht mehr besaßen,
Etwas, in uns zurückgehalten, schwächte uns,
Bis wir merkten, dass wir selbst es waren
 
ROBERT FROST
(F.A.Z. 20.01.2009)
 
Gave Sheba to her Salomon.”
Yet the world stays.”
If that be so
Your cockerel found us in wrong
Although he tought it worth a crow.
Maybe an image is too strong
Or maybe is not strong enough.”

“The night has fallen; not a sound
In the forbidden sacred grove
Unless a petal hit the ground,
Nor any human sight within it
But the crushed grass where we have lain;
And the moon is wilder every minute.
O! Solomon! let us try again.“
WILLIAM BUTLER YEATS
 
Durch den Saba und Salomon sich erkannten.”
„Doch noch immer besteht die Welt.“
„Wenn das so ist,
Fand dein Hahn uns im Unrecht,
Obwohl es ihm einen Krähversuch wert ist.
Vielleicht ist ein Bild zu stark
Oder vielleicht ist es nicht stark genug.“

„Es ist Nacht geworden; kein Laut
In dem verbotenen heiligen Hain,
Außer wenn eine Blüte zu Boden fällt,
Und keine menschlichen Anzeichen,
Außer dem zerdrückten Gras, wo wir lagen;
Und der Mond wird wilder, während die Minuten verstreichen.
O Salomon! Laß es uns noch einmal wagen.“
 
Übersetzung von Andrea Paluch und Robert Habeck
Aus: Ein Morgen grünes Gras/Luchterland
 
Herbstmanöver
Ich sage nicht: das war gestern. Mit wertlosem
Sommergeld in den Taschen liegen wir wieder
auf der Spreu des Hohns, im Herbstmanöver der Zeit.
Und der Fluchtweg nach Süden kommt uns nicht,
wie den Vögeln, zustatten. Vorüber, am Abend,
ziehen Fischkutter und Gondeln, und manchmal
trifft mich ein Splitter traumsatten Marmors,
wo ich verwundbar bin, durch Schönheit, im Aug.
 
 
In den Zeitungen lese ich viel von der Kälte
und ihren Folgen, von Törichten und Toten,
von Vertriebenen, Mördern und Myriaden
von Eisschollen, aber wenig, was mir behagt.
Warum auch? Vor dem Bettler, der mittags kommt,
schlag ich die Tür zu, denn es ist Frieden
und man kann sich den Anblick ersparen, aber nicht
im Regen das freudlose Sterben der Blätter.
 
Laßt uns eine Reise tun! Laßt uns unter Zypressen
oder auch unter Palmen oder in den Orangenhainen
zu verbilligten Preisen Sonnenuntergänge sehen,
die nicht ihresgleichen haben! Laßt uns die
unbeantworteten Briefe an das Gestern vergessen!
Die Zeit tut Wunder. Kommt sie uns aber unrecht,
mit dem Pochen der Schuld: wir sind nicht zu Hause.
Im Keller des Herzens, schlaflos, finde ich mich wieder
auf der Spreu des Hohns, im Herbstmanöver der Zeit.
 
INGEBORG BACHMANN
© Piper Verlag GmbH, München 1978
Aus: Die gestundete Zeit. 1953.
 
 
Das Wirkliche und das Flüchtige / The Real and the Ephemeral
Wie du sitzt, wie du sprichst, oder gehst
durch die Erscheinungen der Welt---
eine flüchtige Kunst.

Wir sehen und lieben.

Aber Form zu finden, die bleibt,
Beständiges im Wechsel auszumachen,
im Flimmern eines Lächelns, im Runzeln einer Stirn,
ein immer noch größerer Glanz.
 
 
The way you sit, the way you speak, or walk
through the appearances of the world ---
is an ephemeral art.

We see and love.

But to find lasting form,
to know the permanent in all change,
in the flicker of a smile, or in a frown,
is still the greater glory.
 
LOUIS DUDEK
Aus: FOR YOU, YOU / FÜR DICH, DIR (ELFENBEIN)
 
 
Biddy Jenkinson - Eanáir 1991 - Januar 1991
Nein küss mich nicht in diesem Januar.
Es wird durch deinen Munddruck keine Lerche fliegen.
Es stürzt
St. Stephans Zaunkönig
zu Boden zwischen uns.
 Fass nicht an meine Hand.
Die Finger fielen mir ab
wie Eiszapfen.
Mach mir mein Herz nicht weich
sein Schmelzfrost würd
zu Hartfrost schnellen.
Schau mir nicht in die Augen
du würdst erstarren
vor Kälte.
Sag mir bloß nicht,
die Welt geht ihren Gang
es keimen Samen und
deine Frühlingsküsse erzeugen Vogelschwärme.
Komm hier zum Totenort
stelln wir uns kusslos trostlos
unter die Bomben, jede die fällt
und machen sichtbar -
wir wollen sie nicht.
__________
Anmerkung: Am St Stephan’s Day wurden früher nach heidnischem Brauch Zaunkönige getötet.
Dem Zaunkönig wurde der Verrat am heiligen Stefan zugeschrieben.

 

Eanáir 1991

Ná póg in aon chor mé an Eanáir seo.
Ní éireodh aon fhuiseog ar do bhéal-bhéim.
Thitfeadh
dreoilíní coscartha Stiofáin
go talamh eadrainn.
Ná tóg mo lámh.
Thiocfadh na méara díom
’na gcoinlíní reo.
Ná bog mo chroí
nó pléascfaidh an fliuchreo ann
ar athreo.
Ná féach im shúile
nó préachfar thú
le fuacht.
 Ná habair liom
go bhfuil an saol faoi choim
go bpéacfaidh síol
go ndéanfaidh do phóga earraigh ealta éan.
Seasaimis gan phóg gan dóchas
in áit na marbh
faoi gach buama a thiteann
mar fhianaise
nach dár ndeoin iad.

©  Biddy Jenkinson

 
Welt in Weiß - Verden i hvitt

Wochentage
wie sie Wurzeln schlagen

Festtage wie sie Tannen richten
und Sterne in den Wipfeln tragen

der Ort entsteht während man steht
die Welt entsteht während es schneit

Die groben Züge des gestrigen Tages werden geglättet
Wartend liegt die Welt

Sehnt sich danach erfahren zu werden
Sehnt sich nach meiner Skispur vielleicht

Oder sind es meine Ski die sich danach sehnen
die Welt unter ihre Spitzen zu nehmen

Die Welt die von wem auch immer
gewonnen werden kann

die Welt ein
Wanderpokal

Aus dem Norwegischen von Ulrike Draesner
Torgeir Rebolledo Pedersen
Aus: Geitehjerte
Forlaget Oktober, Oslo 2006
 
 
Oktober, und Krieg, wie im Zeitraffer welkende Gesichter
aus den himmelsfernen Gärten in Rilkes
Herbstgedicht. Alle Schöpfung wandelt sich rück in ihre
paradiesische Unversehrtheit und kippt gleich wieder um
in den harten Faltenwurf der

Alltagsrealität. Jeden Morgen spülen wir aus den Schlafkleidern
längst verflossener Lieben den Angstschweiß der Alpträume.
Jede Bewegung ist die erste und letzte
in diesem Augenblick. Blutig das Fenster, hingeschlachtet
die Türen, abgezogen die Haut der Wände, dieser
Oktober, einer Bestie gleich, wirft auf die Bettstatt nieder
die bosnischen Frauen, und ich
erzittere in jedem fallenden Blatt

barfuß und nackt... kaum Rückkehr, daß es sie gibt in die Räume
flügelleichter Kinderträume. Das Weiß des Vorhangs zieht sich
über alles, woran mein Auge streift, wird weiß
und weißer. So bleichen auch die Farben
weiter aus, gleich versiegendem
Wasser – gleich zerstreutem Volk, in der weichen Erde versinkend...
Und den Oktober hätten wir

erleben können in den windigen Bergen oder in der schützenden Hülle
unseres ersten Daseins, genauso wie jetzt den Krieg, wie auch die schöpferische Hand des Bildhauers,

die in Erwartung des Kunstwerks in den formbaren Ton greift.

In unserem Niedergang ist Abstieg des einen und Gewinn des anderen beschlossen.
Wie kann man hernach wieder so aufrecht und stark dastehen wie eine Pappel
– wenn der Oktober sich taub gemacht hat für jede Stimme,
die ihm ans Ohr schlägt – mit Mahnung und Aufruf...

Deutsche Fassung von Bodo Hell
© Hadžem Hajdarević
Iz: Peto ušće
Bosnian book, Sarajevo 1997

 
den herbst gibt es; den nachgeschmack und das nachdenken
gibt es; und das insichgehn gibt es; die engel,
die witwen und den elch gibt es; die einzelheiten
gibt es, die erinnerung, das licht der erinnerung;
und das nachleuchten gibt es, die eiche und die ulme
gibt es, und den wacholderbusch, die gleichheit, die einsamkeit
gibt es, und die eiderente und die spinne gibt es,
und den essig gibt es, und die nachwelt, die nachwelt
 
INGER CHRISTENSEN
Aus dem Dänischen von Hanns Grössel
Aus: alfabet / alphabet Kleinheinrich Verlag, 2001
 
 
 
Das Werkzeug der Geduld
 
Mit Poesie bestücke ich den Hals des Augenblicks,
ich entfliehe der Begrenztheit der Zeit.
An Bord des rätselhaften Horizonts
bekleide ich den Geist mit Licht.
Ich werfe in den brennenden Ofen
die Lava des Zweifels.
Mit dem Werkzeug der Geduld
bezähme ich die Hitze der Wüste.
Mit der Philosophie des Großmuts
erreiche ich die Kränze des Wohlstands.
Und am Gipfel einer öden Reise
umarme ich das Wunder des Überlebens.
 
© Hanane Aad
Aus dem Arabischen von Hans Hahn
 
 

Dovilė Zelčiūtė - [Visa kas mus ištinka]

Alles was uns zustößt
ist nur fotografie
solang wir sehen
solang die negative noch keine positive sind
und die körper geschmeidig begehrlich
vom verfall nicht vernichtet
entwickle zeig uns noch nicht
laß uns im dunkeln sein
uns drehen in der geschlossenen kassette
nicht abrechnen
nicht bekennen
unerkannt sein
ich hoffe weiß
mir bleiben noch unbelichtete bilder
ungedruckte sünden
bis man mich vollkommen offen
zur schau stellen wird
 

Aus dem Litauischen von Claudia Sinnig

 
 
 

Der Zeichensaal

Der ganze Raum roch nach Kreide
und nach schwerem verdorrten Holz.
Generationen hatten sich eingeschnitzt
in die Tische: Buchstabensysteme
über- und ineinander verhakt,
wie in einer alten sumerischen
oder, warum nicht, babylonischen Schrift.
Archäologie! Vergessene Götter mit Hundeohren
und strengen Holzgesichtern traten ganz von selbst
ans Licht aus der Maserung. Dagegen auf dem Papier
nur karge Figuren, gezeichnet vom Lineal,
die Winkel so spitz, man konnte sich daran schneiden.
 
Und das sollte die Wohnstatt der Künste sein.
 

LARS GUSTAFSSON
aus: Auszug aus Xanadu. Gedichte

Aus dem Schwedischen von Hans-Magnus Enzensberger
München: Carl Hanser Verlag 2003

 
 
 
Was einmal an dem Baum war, ist noch da;
denn was es jemals gab, das bleibt.
Es genügt eine Hand, die sich darauf legt
und zu ihm sagt: "Komm."
Denn die Hand ist er: Baum und Gedanke
und Zeit, die nach dir strebt und zu dir findet,
um in dir zu überleben,
denn wenn du an das Leben denkst, bist du;
und denkst du an seine Leere, bist du die Leere.
Kausaleffekt.
Komm heran mit deiner Hand, um mir Gewissheit zu geben,
fast als ob Wollen und Sein
die Lippen dort zu einander führen,
wo wir Baum sind.
Wo ich deine Rinde bin
und du die Leere, die in mir brennt.

El que hi havia en l’arbre, hi és;
perquè tot allò que fou, és.
Només cal la mà que hi descansa
i que li diu: “vine”.
Perquè la mà és ell: arbre i pensament
i temps que et vol i et busca
per sobreviure en tu
perquè si penses el ser, ets;
i, si penses el buit del ser, ets el buit.
Causalitat.
Acosta la mà per donar-me certesa,
gairebé com si voler i ser
haguessin d’ajuntar-se als llavis
on som, nosaltres, arbre.
On jo sóc la teva escorça
i tu el buit que em crema.

© Francesc Parcerisas
Aus: Dos dies més de sudQuaderns Crema, Barcelona 2005
 
 
 
zwischen den Bäumen
zeigt sich ein Baum
den eine fahle Sonne wählte
als Laterne
 
zwischen einem lotrechten Schatten
und noch einem lotrechten Schatten
in seiner Besonderheit
leuchtet er
 

sein silbernes Grün
ist gesättigt von der Essenz
der Sonne, als wäre
er ihr Spiegel

 

© Aonghas MacNeacail
Übersetzt von Michael Donhauser

 
 Worte sind reife Granatäpfel,
sie fallen zur Erde
und öffnen sich.
Es wird alles Innre nach außen gekehrt,
die Frucht stellt ihr Geheimnis bloß
und zeigt ihren Samen,
ein neues Geheimnis.
 
Hilde Domin
aus: Das Gedicht als Augenblick von Freiheit/Fischer Verlag
 
 
BLOWING YOUR OWN HORN
 
 Since 1800
ever some son-of-a-bitch telling you
how great he is
and boring you to death with his noise.
 
Before that, God was greater,
and man was bearable
at least some of the time.
 

As for Chopin, would the Poles have liked him better
if he wasn`t Polish?
Or the Germans, their Wagner -
if he wasn't so German?

 

LOUIS DUDEK
aus: The Caged Tiger

 
 
LUSTSPIEL
 
 Manchmal bin ich
meine eigene Dramatürkin
und sitz mir angestellt im Nacken
mitten auf der Hebebühne
mein Vorhang sich öffnet
und ich springe
auf den Boden der Schubladenkraft
 
Applaus aus den Umkleidekabinen
weckt in mir die Schaut-her-Spiellust
und ich noch beim Auswendiglernen
erzähl was ich vergeß
 

Ganz entdeutscht kommt der Regisseur daher
der kennt die Eintrittspreise
der weiß woher die Rosen duften
erkennt an meinem Lieblingskostüm
die ausgebeulte Frühlingsrolle
ich verbeuge mich
und hatte gut Lachen
im Hals versteckt.

 

Zehra Cirak
aus: Leibesübungen/Kiepenheuer & Witsch

 
 
SOMMERLAND
 
 Am anderen Ufer des Sees leuchten rot
die Saftgläser auf weißen Veranden.
Kräuterbündel, Schlüsselblumen, Kümmel
trocknen auf der Stange über dem sorgsam
erhaltenen Holzofen,
und der Himmel ist weiß und blau wie im Märchen.
 
Hier bei uns halten wir eine Versammlung ab
wegen der Schlaglöcher unter dem Viadukt
und wer die Haselsträucher durchforsten soll
wo das Elektrizitätswerk einen Mast hochgezogen hat.
Die Brücke müßte auch repariert werden,
bevor das Eis sie holt.
 

Hier herrscht ein ziemlicher Verhau.
Nichts wird je fertig.
Diese Gegend hat ihre Unschuld bewahrt.
Ich bleibe ihr treu.

 

MADELEINE GUSTAFSSON

 
 

So haben wir uns die Köpfe verdorben mit Meilensteinen der Belanglosigkeit.
Rabiate Rappelköpfe, die überall Camorras wittern und keine Vernunft annehmen wollen.
Oder Rappelköpfe als Rasseln benutzbar für jede beliebige Karrieregestalt,
die nach Aufmärschen hungert. Wir brauchen Stimmung.
Die Masse rast und etwas löst sich ab von dir, zeigt dir, daß du nicht dafür kannst.
Man hat dich abgefüllt und du kannst das Material nicht mehr ordnen.

 
JOHANNES JANSEN
 
© Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 2005
Aus: Halbschlaf. Tag Nacht Gedanken.
 
 
Mein Weg führt der alten Prozessionsroute entlang,
die Kühe grasen, hornlos und still, da hebt die Braune
den Kopf, die Glocken läuten: Wandlung! ein Türken-
paar tritt aus dem Tann, hoi! grüsst der Mann, die Frau
senkt den Blick - um diese Zeit ziehen sie in Beromünster
den Heiland in den Dachboden hinauf – es raucht
hinterm Wald, in Baseballmütze und Schürze hütet
der Sonntagskoch seine Würste, niest: Helf dir Gott!
ruft sein Gast, ein schweres Motorrad zerschneidet
den Vogelgesang, Stau am Gotthard, meldet das Radio,
mit der Wyna zieht eine Flaschenpost langsam bachab
Richtung Rhein: Zu Pfingsten sollen eure Köpfe
schiffbar sein! verspricht uns der Herr.
© Klaus Merz
Entstanden: 2001
Aus: Vers Schmuggel (Anthologie)
Wunderhorn , Heidelberg 2003
 
 

glaub den irrgärtnern

glaub den irrgärtnern
ihre heuchelei und habgier

glaub ihnen
das tote im blick wenn sie
kerker für ideen bauen

trau
dem gefrierfach hinter ihrer stirn

trau ihrem handschlag
jeden tiefschlag zu.

CHRISTIAN LOIDL
© edition selene
Aus: unveröffentlichtem Manuskript
edition selene, Wien

 
 

zweifel
für diese zweifel
die uns erleuchten
für diese zufluchten
die sich verbinden
bestimmen wir die farbe der spur
und säen sie
als pelikan
säen sie
als welle
oder als stein


Mohammed Bennis
Aus: Die Farbe der Ferne. Moderne arabische Dichtung.
Herausgegeben und übersetzt von Stefan Weidner. München: Verlag C. H. Beck 2000

 
 

Der Fuchs
Der Abend senkt sich und wir gehn in Richtung Kneipe.
Die langen Jahre unsrer Zweisamkeit patinieren, was wir sagen.
Im letzten Licht verlängern sich die Schatten auf den Feldern.
Das schläfrige Schelten der Vögel, der stöbernde Fledermausflug.

Dann seh ich ihn, kurzläufig, die langen Ackerfurchen queren,
Von Hecke zu Hecke, ein Jäger auf der Flucht: ein Fuchs.
Er läuft geradeaus, ohne Eile, ohne Rast, auf flinken Pfoten,
Die Schnauze zu Boden, die Rute wischt über den Tau. Wir starren.

Auf einem kleinen Hügel angekommen, wendet er sich um
Und schaut zurück - in seinen Zweifel mischt sich Vorwitz.
Sich sicher, dass wir harmlos sind, schleicht er unter einen Busch.
Wir küssen uns. Das Begehren kehrt sich um und wir nach Hause zurück
Übersetzt von Monika Rinck
© Greágóir Ó Dúill

 

Sionnach
Tráthnóna beag, siúlaimid i dtreo an tábhairne,
Blianta ár gcaidrimh mar chraiceann tiubh ar chomhrá.
Dul ó sholas, agus scáileanna ar thalamh,
Bícearnach codlatach éan, anonn’s anall na n-ialtóga.

Chím é, ag siúl na seaniomairí fada, é íseal, ceart,
Trasna ó chlaí go claí, ar a choimhéad ach ag seilg:
sionnach.
Imíonn díreach, gan mhoill gan deifre, ar chosa tapa,
Smut íseal, eireaball ag scuabadh drúchta. Stánaimid.

Baineann sé amach an t-ard beag, tiontaíonn,
Amharcann siar orainn faoi amhras, rian den dúshlán ann.
Fios aige nach aon díobháil sinn, téann faoi thom.
Pógaimid. Athraíonn mian. Fillimid ar theach.

© Greágóir Ó Dúill

 
 

Sommerregen. Schwarzer Abend. An den Rand
einer Todesmeldung gekritzelt die verfügbaren Daten,
die das Interview in Gang setzen, die Erinnerung
an entrückte Begegnungen, von denen
wir uns mehr Zukunft versprochen hatten.

Der neue New Yorker bleibt offen liegen.
Was heißt Zukunft, wenn sich das letzte Gespräch
per Bandschleife endlos wiederholen läßt
und ein Nachruf zehn Jahre liegt im Archiv.
Trockener Sommer. Der Abend ist hell.

Eine Reise ist vorzubereiten. Man muß
durch eine Nebelfront, deren Weiß so weiß
wie chinesische Trauer ist. Bitte keine Zitate.
Thema vom Tisch. Die Gerstenfelder sind leer,
und man liest, kompliziert sind die Städte.


In memoriam Donald Barthelme
JÜRGEN BECKER
© Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 1990
Aus: Das englische Fenster. heute in: Die Gedichte

 

In Studio City the hummingbird
Sucks from the stamens.
The kitchen is silent. Outside, the sky
Of L.A. has been baked of its demons.

The tuberose blooms to remind of tomorrow’s
Petals on the surface of the swimming pool.
The pool wall drops stilts to waiting earthquakes.
Everyone’s off making films today. A kestrel

Hovers. We cannot do great things
But only small things with great love.
To travel is to be still. Then sunset
Highlights tenderly all the flight paths above
© LUKE DAVIS
Aus: Totem
Allen and Unwin, Sydney 2004
 

 

In Studio City saugt der Kolibri
Die Blütenkelche aus.
Die Küche still. Der Himmel von L. A.
Ist, ausgebacken, alle Geister los.

Die Tuberose blüht und sagt, die Blütenblätter
Werden morgen auf dem Pool schon treiben.
Die Pool-Wand fährt die Stelzen Richtung Erdbeben aus.
Alle sind sie heut am Filmedrehen. Ein Falke

Kreist. Wir können wohl nichts Großes tun,
Nur mit der großen Liebe Kleines.
Reisen heißt stille sein. Die Sonne sinkt,
All die Kondensstreifen sind fein ausgeleuchtet.

aus dem australischen Englisch von Uwe Kolbe
 

 
Könnten Sie es kürzer sagen?

 

   
Leute waren da,
Dinge geschahen,
Bewegungen wurden vollführt.
 
   
Es schmerzte.  
   
© Martin Auer
Entstanden: 1993
 

 

Von der Türschwelle eines Traumes rief man nach mir.

 

   
Es war die gute Stimmer, die geliebte. - Sag, kommst du mit mir, die Seele zu sehen?...
An mein Herz rührte eine Zärtlichkeit. - Mit dir jederzeit.....
Und ich schritt in meinem Traume durch einen langen, kahlen Gang, spürte das Streifen des reinen Gewandes
und den Pulsschlag, den sanften, der befreundeten Hand.
 
   
Antonio Machado / Soledades  

 

A little Madness in the Spring
Ein leichter Frühlingswahn tut
Is wholesome even for the King,
Sogar dem König selber gut
But God be with the Clown -
Doch Gott gewährt dem Clown,
Who ponders this tremendous scene

Die ungeheuren Szenerien,
- This whole Experiment of Green

Das ganze Probespiel im Grün
As if it where his own.

Als eignes Werk zu schaun!

 
   

EMILY DICKINSON

 

 

NATUREINGANG
(frei nach Geoffrey Chaucer)
 
   
Ach wenn April mit milden Schauern
des Lebens dürre Adern bis zur Wurzel badet
und Zephyrs süßer Atemhauch die Triebe all
in Wald und Feld zu kurzem Dauern ladet
und schon die junge Sonne halb den Bogen
vom Widder bis zum Stiergehörn durchzogen
und wenn Erinnerung aus fließendem Verfall
den Blick erhebt: wie Vögel nachts mit offnen Augen schlafen –
o dann beginnt die Zeit auch mir den Sinn zu weiten:
Vergangenheit die nicht gelebt
Winter da wir uns nicht trafen
sind nichtig wenn ein altes Herz sich neu erhebt.
 
   
Noch mit gebrochnen Lyren und vom Frost verstimmten Saiten:
auf deinem Ufer
blumenreich
entfaltet von Gezeiten
muss ich mit Sonnenlicht gerüstet dir entgegenreiten.
 
   
© Wolfgang Hilbig  

 

ERNEUERUNG  
   
Diese Felder voll inbrünstiger Knospen
muten eher verzweifelt an
im schmerzhaften Aufschießen der Säfte, dem
Weltstoff zu immer neuen Farben,
Träumen, Gestalten,
während die Wolken hoch oben die Landkarten
einer unberührbaren Ewigkeit zeichnen,
eine bleibende kristallene Bläue –
 
   
Wie bestürzend dieser Lustkrampf, wenn
der Frühling ausbricht wie der Untergang, die Aussaat
eines blühenden Krieges
und am Horizont die Vögel
in der Formation von Engeln ein Zeichen
schreiben, das der Welt verkündet: alles
muß sich ändern, ein für alle Mal,
in dieser strahlenden Verfügung.
 
   
STRATIS PASCHALIS
www.lyrikline.de
 

 

AM GÄNGELBAND DES BÖSEN

 
   

Nicht doch, mein Lieber, laß das.
Ich bin es leid, dieses Reden
von den Fesseln, dem Qualm des Alltags,
der so grau ist und alt wie die Welt.

 
   

Im ärgsten Lärm und Streß
sind wir nicht unbeflügelt.
Aus dem Gänsetrompetenblech
flattert ein Blättchen Flieder.

 
   

Ein Krokus auf Mutters Beet
verströmt ein unirdisches Leuchten,
und ihr Nest eine Schwalbe klebt
unters Dach des verstrahlten Gebäudes.

 
   

Nicht erschöpft hat die Welt alle Heilung.
Noch am Gängelband des Bösen
kann ein Mensch, wenn auch nur bisweilen,
wie du mich,
einen andern erlösen.

 
   

Nina Mazjasch
Aus dem Belorussischen von Elke Erb

 

 

Winterliche Anwendung mit Teelichtern  
   
eine Zartheit befolgt, ein Herzklopfen, beinah
Anordnung (Flageolett):
ein versprengter Frost, ein Stanniol, das
Aufblitzen in den Augen
„wie sich diese unsteten Gegenden nach und nach
lossagen von uns“
 
   
Imitate und Tarnungen, halber Aufenthalt
wie auf fotokopiertem Schnee (die geheimen
Verstecke: dein einzeln beschlagenes
Brillenglas, ich bin anstandshalber
bald wieder gegangen) und alle Berührungen
fallengelassen: noch rasch
an dich angelehnt
 
   
flackernde Orte, ein Herzklopfen
voller Teelichter, leichte Bandagen: ich taste
die Schuhe, die Schneeränder ab
eine Zartheit befolgt, ein paar Fluchtpunkte
sachte verschoben, ich habe die Fingerspitzen lackiert
als wären sie winterfest
 
   
MARION POSCHMANN
Aus: Verschlossene Kammern. Gedichte
zu Klampen, Lüneburg 2002
ISBN: 3933156769
 

 

Lotterie der Wünsche  
   
Alle nehmen teil. Ziehung
ist jeden Tag. Du wachst
morgens auf: das hattest
du dir doch sicher gewünscht.
Schon gewonnen!
 
   
Du bewegst die Zehen: gelenkig
bis rauf zum Hals zum Kopf: alles
was drin war noch da
und die Wörter dafür passen ziemlich genau.
 
   
Alles gewonnen – in einem Nu! Du
öffnest die Augen: diese Erregung der Netzhaut
über die Sehnerven hin zum Sehzentrum des Großhirns!
Im Zusammenspiel der brechenden Flächen
von Hornhaut und Linse:
dieses niedagewesene Bild deiner weißen Kommode
umgekehrt auf deiner Netzhaut
und das Bild vom Bild von der See und vom
Vorhang (müsste mal wieder gewaschen werden)
Du blinzelst zum Fenster, deiner Sehstäbchen
Sehzapfen deines Sehpurpurs völlig gewiß:
Sonne Schnee Regen, ist doch egal: Du hast
deine klare Sicht: Hauptgewinn Volltreffer
in jedem Augenblick (auch mit Brille)
 
   
Manche haben sogar
das Große Los gezogen: es liegt
neben dir und – ja, es atmet, ist
warm und sieht aus
noch genauso wie gestern. Wenn du
dir das nicht gewünscht hast!
Und dann erst was losgeht
wenn du es einlöst,
das Große Los, und
es dir die Sprach verschlägt …
 
   
(Ulla Hahn)
aus: So offen die Welt
 
Deutsche Verlagsanstalt München  

 

  ECHO ECHO  
       
  Es war ja nie
Einfach zu warten,
Stillzusitzen.
It was never
Simple to wait;
To sit quiet.
 
       
  Gab es nicht nich
Einen anderen Weg,
Eine Strecke zu gehen -
Was there still
Another way round;
A distance to go -
 
       
  Als hinge ein
Echo in
Der Luft bevor
As if an echo
Hung in
The air before
 
       
  Man eins hörte;
Bevor ein Wort
Gesprochen war.
One was heard;
Before a word
Had been said.
 
       
  Was war Liebe
Und wo
Und wie käme man hin.
What was love
And where
And how did one get there.
 
       
  ROBERT CREELEY aus: FENSTER, neue Gedichte/Residenz Verlag)  

 

  BRISE AM MORGEN ΠΡΩΙΝΗ ΑΥΡΑ  
       
  In das helle Papier gräbt die Feder
blaue, tiefblaue Sätze.
Η γραφίδα χαράζει πάνω στ' άσπρο χαρτί
κυανές, βαθυγάλαζες φράσεις
 
       
  Während ich über den Tisch gebeugt schreibe
und die Worte sich verdichten – ein Meer von Ultramarin –,
finde ich mich auf einmal über eine Reling hinabschauen
auf junge Mädchen von verstörender Schönheit,
die in Felsen nisten und mit den Wellen aufschäumen,
über die grünen Steine gleiten, ins Wasser tauchen
und verlöschen wie glühender Stahl,
morgens, während wir uns den schlaftrunkenen Inseln nähern
im Erschauern des Meeres mitten im August.
κι ενώ γράφω σκυμμένος, στο τραπέζι ακουμπώντας,
και οι λέξεις πυκνώνουν -ένα πέλαγος μπλάβο-
νιώθω τώρα να γέρνω σε μια κουπαστή καραβιού
κι αγναντεύω κοπέλες με στυγνή ομορφιά
να φωλιάζουν στα βράχια, να παφλάζουν στο κύμα,
να γλιστράνε στις πράσινες πέτρες, να βουτούν στο νερό
και να σβήνουν σαν λιωμένο ασήμι,
πρωινό, πλησιάζοντας σε νησιά ναρκωμένα
μες στα ρίγη της θάλασσας στην καρδιά του Αυγούστου
 
       
  ©Stratis Paschalis www.lyrikline.de  

 

FISCHE
 
Das Antlitz der Götter hat sich längst zurückgezogen
auf die Etiketts an den Konservenbüchsen
geblieben ist nur noch der Haufe der Alten
die im Regen eine geschminkte Kirche betrachten
und die zarte Maschinerie der Sonnenblumen
die endlos auf dem Hügel rattert.
 
Mit dem Vieh stehen wir dicht gedrängt auf dem Feld
es ist als schwebten Luxusdampfer
die das Meer nicht mehr erträgt
durch die grünen Wiesen
nichts hinterlassend als Spuren
von Treibstoff und Transatlantik-Partys.
 
So lauern wir wie furchtsame Fische unterm
vorbeischwebenden Paradies auf den Strick
der auch uns an Bord hieven wird.
 
Aber es ist nichts:
eine Welt zieht an der andern vorbei
und sie berühren sich nicht.
 
MIRCEA DINESCU, geb. 1950 in Rumänien
Aus ein MAULKORB FÜRS GRAS/Fischer Taschenbuchverlag
Übersetzt von Werner Söllner

 

  Der Morgen zerstreut Blüten des Lichts El alba sopla pétalos de luz  
       
  Der Morgen zerstreut Blüten des Lichts.
unsichtbar
vibriert Leere
und ermutigt, sich zu orientieren.
Das Geheimnis der Stille
offenbart seine Wurzeln:
die bodenlose Ruhe nämlich
der Liebe.
El alba sopla pétalos de luz.
Vibra el vacío
en invisible movimiento
e invita a orientación.
El secreto del silencio
revela su ser secreto:
la quietud sin fondo
del amor.
 
       
  CLARA JANES (entstanden 1995
aus dem Spanischen übertragen von Gerhard Falkner auf der Grundlage von Interlinearübersetzungen
www.lyrikline.de
 

 

DAS sogenannte Leben

Alles, was einer Seifenoper Themen liefert,
schien ihm nicht wert, erzählt zu werden,
auch wenn er gern gesprochen hätte - er brachte es nicht fertig.
Er war verwundert über die verworrenen Geschichten von Männern und von Frauen,
die sich dahinzogen - bis zum flackernden Vergessen.
Er selbst konnte nur die Zähne zusammenbeißen und ertragen,
abwarten, bis das Altern den Tragödien die Bedeutung nimmt,
und bis die Seifenoper zerplatzt, mit ihrer
Liebe, ihrem Haß, mit Versuchung und Betrug.

CZESLAW MILOSZ
DAS und andere Gedichte, Carl-Hanser-Verlag € 14,90